Reinhören: neurosis – honor found in decay

Ich liege einsam in meinem Wohnzimmer auf der Couch. Dunkelheit umgibt mich. Leise, sanfte Klänge aus den Lautsprechern meiner Stereoanlage verführen zum Träumen. Neurosis - Honor Found In DecayDoch plötzlich grollt aus den Boxen ein massiver, schwerer Krach. Ein Krach, der die Finsternis der menschlichen Seele, die tief verborgen in uns schlummert, in mein Wohnzimmer bringt. Ein dunkles Mysterium, das nicht greifbar ist. Gänsehaut ziert meine Haut. Angstschweiß perlt meinen Nacken herunter. Dann krächzt eine furchteinflößende Stimme die ersten Silben. Die ersten Silben von Honor Found In Decay. Dem neuen Studioalbum von Neurosis.

Die ersten Verse „I’ll walk into the water, to wash the blood from my feet.“ des Openers We All Rage In Blood lassen keinen Zweifel aufkommen. Die sechs Kalifornier haben sich fünf Jahre lang in Seelenqualen gesuhlt und machen sich erneut daran den Weltuntergang zu vertonen. Genau jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die CD entweder aus der Anlage zu nehmen und wegzulaufen. Oder man lässt sich auf die nächsten sechzig Minuten Wahnsinn ein. Springt in einen tiefen schwarzen Abgrund. In die Dunkelheit. In die brutale Realität des menschlichen Grauens. Und am Ende wird man mit einem kleinem Juwel, einem musikalischen Meisterwerk belohnt.

Neurosis haben erneut ein beklemmendes und angstvolles Klanguniversum erschaffen. Ein gewaltiges Soundgebilde. Detailverliebt. Fesselnd. Düster. Sperrig. Intensiv. Dazu die gewohnt Gegensätze. Leise und laut. Zarte melodiöse Momente werden von brachial-bedrohlichen Passagen schonungslos zerstört. Nur um wenige Augenblicke später die Düsternis erneut zu durchbrechen. Hoffnung, die jedoch nicht von langer Dauer ist. Schönheit, die nicht lange währt. Die Finsternis erhebt sich erneut. Überall dem thront der Gesang von Scott Kelly und Steve van Till. Abartig und böse.

Diese Scheibe ist wahrlich keine leichte Kost. Dabei ist Honor Found In Decay eines der Neurosis-Alben, das am leichtesten zugänglich erscheint. Doch dieser Schein trügt. Zu kreativ, zu experimentell, um alle Facetten menschlicher Ängste, alle Soundfarben auf einmal zu erfassen. Vieles steckt im Verborgenen. Es folgt eine verstörte Entdeckungsreise, die zur Verzweiflung führt. In den Wahnsinn treibt. Doch nach und nach findet derjenige, der sich auf diesen einzigartigen und packenden Trip einlässt, all die verspielten Details und kunstvollen Arrangements, die sich in allen sieben Songs verstecken Das sind die Momente, deren Kraft man sich nicht entziehen kann. Nein, irgendwann auch gar nicht mehr entziehen mag.

Diese Scheibe ist faszinierend. Ist gewaltig. Ein Monster. Eine Bereicherung für Dein Leben.

Veröffentlicht auf dem Bandeigenem Label Neurot Recordings. Produziert von Steve Albini.