reinhören: defeater – letters home

Eine Familie. Drei Menschen. Eine Geschichte. Drei Platten, die Teil eines Gesamtkonzepts sind, welches das tragische Leben dieser Familie aus der Sicht der drei beteiligten Personen nach den Wirren des zweiten Weltkrieges erzählt. Defeater - Letters HomeWurden auf den ersten beiden Alben Travels und Empty Days And Sleepless Nights das Leben und die Gefühlswelten der beiden Söhne und Brüder niedergeschrieben, führen Defeater auf ihrer neuen Scheibe diese Geschichte nun aus der Sicht des Vaters fort. Mit Letters Home schicken uns die fünf Jungs aus Boston zehn Briefe eben dieses Vaters auf den Plattenteller.

Dabei hätten uns diese zehn Briefe fast nicht erreicht. Missverständliche und missverstandene Statements und Aktionen warfen einen militaristischen und regierungsverliebten Schatten über die Band, der beinahe zur Auflösung der Band geführt hat. Zum Glück haben sich diese Missverständnisse klären können und die Familiensaga findet eine düstere und erneut bewegende Fortsetzung, die getragen wird von einer dunklen Atmosphäre, die jedem der zehn Songs innewohnt.

Das gilt neben den Lyrics auch für die musikalische Seite des Albums, das erneut geprägt ist durch ein fesselndes Wechselspiel von leisen und krachigen, von schleppenden und wuchtigen Passagen. Darüber, obwohl stets Teil des Ganzen, zitiert Derek Archambault mit einem zerreißenden Schrei-Sprech-Gesang aus den Briefen, der uns an der Wut, an der Verzweiflung, an dem Schmerz und der Hoffnungslosigkeit des Vaters teilhaben lässt und uns schließlich in die Abgründe der väterlichen Seele blicken lässt.

Die Seele eines Menschen, der seine Selbstachtung, seine Familie, einfach alles was er je geliebt hat, verloren hat. Die Schuldfrage stellt sich nicht. Bereits der straighte Opener Bastards zeigt die Erkenntnis. „I count these burdens as mine. And still all I see is that bastard in me.“ Vom Hass und Hoffnung getrieben wird das weiße Papier mit Worten gefüllt. Das schleppende No Shame versinkt im Alkoholsumpf und im Kampf mit den schmerzvollen Erinnerungen, die nicht verblassen wollen. Ein wütendes Hopless Again zeigt genau das, die Hoffnungslosigkeit. Das Wissen, dass sich die Vergangenheit nicht ändern lässt. Der Tod „I’ve been praying for death“ scheint der einzige Ausweg (aus Blood In My Veins). Doch auch dieser Rettungsanker ist nur von kurzer Dauer. No Relief und No Faith tauchen wieder ein in diese düstere Stimmung, in der sich dieser Mensch suhlt. Der in einem Dead Set noch einmal zu hoffen beginnt. Jedoch in einem zerbrechlichen No Savior schließlich jeden Glauben auf Rettung verloren hat und schließlich in einem rockig treibenden Rabbit Foot im täglichen Elend zugrunde geht.

Gefühle, Emotionen und Gedanken. Geschrieben in großen Worten. Defeater gelingt es dabei wieder einmal mit ihrer freien Interpretation von Hardcore eine fesselnde und zugleich erschütternde Tragödie zu erschaffen. Eine tragische Geschichte, die den Hörer im finalen sieben Minuten Epos Bled Out mit einem erneut schmerzvollen und niederschmetternden All I See Is The Bastard In Me zurück lässt. Ende der Geschichte. Ende eines schlicht großartigen Albums, in dem Worte und Musik in einem unzertrennlichen Miteinander stehen.

Die Produktion und das Artwork hat die Band übrigens in Eigenregie übernommen. Gitarrist Kay Maas hat diese Scheibe im eigenen neu eingerichteten Studio aufgenommen und ist somit hauptverantwortlich für den wuchtigen und prägnanten Sound der Songs. Das Artwork, das einen passenden Rahmen zum Albumtitel setzt und die Authentizität der Lyrics unterstreicht, wurde von Sänger Derek entworfen und rundet ein umwerfendes Album einer der außergewöhnlichsten Hardcorebands der Gegenwart ab.

Defeater – Letters Home

VO: 19. Juli 2013
Label: Bridge 9 Records

Trackliste
01. Bastards
02. No Shame
03. Hopeless Again
04. Blood In My Eyes
05. No Relief
06. No Faith
07. Dead Set
08. No Saviour
09. Rabbit Foot
10. Bled Out