Konzertreview: Touchè Amorè live in Bochum

In den letzten Tagen plagte mich mal wieder die Frage, warum ich überhaupt noch auf Hardcore-Konzerte gehe. Geprägt von Tough-Guy- und Machogepose, ausgenutzt von egoistischen Kickboxidioten, wandeln sich immer mehr Shows zurück in testosterongesteuerte Gewaltexzesse, in denen bei zumindest einem Teil der Anwesenden für ein paar Stunden die Gehirnfunktionen offline gehen. Doch dann gibt es Konzerte, die mich daran erinnern, warum ich nicht loslassen kann, nicht loslassen will. Konzerte wie dieses.

Touchè Amorè, Self Defense Family. Dad Punchers – Bochum / Riff – 16.11.2013

Touchè Amorè habe ich bisher nur einmal vor fast genau drei Jahren im Essener Cafe Nova im Vorprogramm von Vitamin X live gesehen. War ich damals schwer beeindruckt von den fünf Jungs aus L.A., war ich stets umso trauriger die folgenden Shows mit La Dispute (AZ Köln / 2011) und auch mit Converge (Essigfabrik / 2012) – aus im Nachhinein unverzeihlichen Gründen – verpasst zu haben.

Doch mit ihrem aktuellen Album Is Survived By im Gepäck, eröffneten Touchè Amorè am vergangenen Samstag hierzulande ihre – mehr als verdiente – erste Headliner-Tour. Der Samstagabend war daher schon seit langer Zeit fett im Kalender markiert.

Früher als geplant eröffneten Dad Punchers den Abend. Kannte ich die Band bisher nur vom Hörensagen, war ich zunächst überrascht, dass mit Ausnahme des Schlagzeugers gleich drei Mitglieder des Headliners auf der Bühne standen. Musikalisch schlagen Dad Punchers jedoch eher ruhigere Töne an. Einfacher aber durchaus charmanter sympathischer Collegerock, der ohne echte Höhepunkte trotzdem zu gefallen weiß. Elliot Babin zeigt sich dabei von seiner sanften Seite. Prügelt er hier nicht in wilder Genialität auf seine Drums ein, sondern steht samt Gitarre hinterm Mikro. Er ist sicherlich kein großer Sänger, schafft es aber die oft melancholischen Songs sehr leidenschaftlich rüberzubringen, so dass man darüber gerne hinweg sieht.

Vielen wohl noch unter dem Namen End Of A Year bekannt, betraten anschließend Self Defense Family die Bühne. Nach anfänglichen technischen Problemen wehte bereits mit den ersten Akkorden ein Hauch des Revolution Summer durch die Halle. Beeinflusst durch diverse DC-Bands (der ehemalige Bandname deutet dies ja bereits an) wühlt man sich durch harmonische Parts, die von wunderschönen Melodien getragen werden, und wirft dem Publikum urplötzlich ungemein sperrige arhythmische Brocken entgegen, deren komplexe Natur nur schwer zu verarbeiten ist. Die halb gesungen, halb gesprochen Vocals und die extravagante marionettenhafte Bühnenshow von Sänger Patrick Kindlon untermalen die musikalische Präsenz der Band in unnachahmlicher Weise. So entwickelt sich dieses Zusammenspiel, wenn man sich darauf einlässt, zu einem besonderes intensiven Liveerlebnis, das für eine halbe Stunde alles andere in den Hintergrund drängt. Die perfekte Gelegenheit, um einfach mal loszulassen, um Probleme und Sorgen zu vergessen.

Die folgenden sechzig Minuten trugen diesen Gedanken weiter. Für diese Augenblicke ist alles andere egal. Jetzt gilt es jede Zeile, jedes Wort, das einem persönlich wichtig ist, einfach lauthals mitzuschreien. Die Songs, die Energie, die Leidenschaft fühlen, miterleben. Und Touchè Amorè verstehen es wie nur wenige andere Bands genau diese Atmosphäre aufzubauen, verstehen es das Publikum mitzunehmen und mitzureißen, verstehen es Songs und Texte zu schreiben, die jeden irgendwo berühren, so dass man sich zu jeder Zeit als Teil von all‘ dem fühlt. Doch allein damit wird man Touchè Amorè nicht gerecht. Denn was die fünf Kalifornier hier zeigen ist Hardcore auf musikalisch hohem Niveau. Ja, das ist schlicht beeindruckend. Dabei hat man immer das Gefühl, dass die Band trotz der stetig wachsenden Aufmerksamkeit, bodenständig geblieben ist. Insbesondere Frontmann Jeremy Holm wirkt nach wie vor eher schüchtern, so als könne er immer noch nicht fassen, was hier gerade passiert. Eben das macht die Band auch so sympathisch. Zu guter Letzt muss noch einmal Elliot Babin erwähnt werden. Was für ein Typ! Selten habe ich live ein solch beeindruckendes Schlagzeugspiel gesehen. Grandios.

Ohne Zugabe geht dieses emotionsgeladene Konzert zu Ende. Wie so oft viel zu früh. Dennoch verlässt man die Location mit einem Strahlen im Herzen.

Nachsatz: Hatte ich nie die Chance Bands wie Nations Of Ulysses, Embrace und Dag Nasty live zu sehen. Und lebe ich in der traurigen Gewissheit ein Band wie Fugazi wohl nie wieder live zu sehen. So bin ich auch froh, dass Bands wie Self Defense Family und Touchè Amorè den DC-Spirit der achtziger Jahre (und im Falle von Fugazi auch der folgenden Jahre) über die Zeit hinweg am Leben halten.