reinhören: self defense family – try me

Da ist diese Gewissheit, dass ich das Unerwartete erwarten muss. Doch diese Gewissheit entpuppt sich als schlichte Selbsttäuschung und bringt mich völlig aus dem Konzept. Die Tatsache, dass ich mich mit der Frage Self Defense Family - Try Me Coverauseinandersetze, ob das nun schon Kunst oder noch Musik ist, wobei Musik ja auch nur eine Form der Kunst ist, so dass ich eigentlich die Antwort einer Sinnfrage suche, was bekanntermaßen zu keiner befriedigen Antwort führen wird, verwirrt mich umso mehr, so dass ich dieses Unterfangen lieber frühzeitig oder besser rechtzeitig aufgebe und mich völlig losgelöst von allen Zwängen der neuen, besser gesagt ersten Scheibe der Self Defense Family (nannte man sich doch zuvor End Of A Year) hinzugeben. Zumal der Albumtitel auch genau das suggeriert. Try Me. Doch wie auch bei den Vorgängerwerken wirft dieses Versuchen wieder zahlreiche Fragen auf, deren Antworten alles andere als einfach zu finden sind. Denn dieses Ausnahmekollektiv – das Wort Band trifft hier schon lange nicht mehr ins Schwarze – um Poet und Sänger Patrick Kindlon bewegt sich in einer ganz eigenen Welt, in der die Worte „gewöhnlich“ und „Konventionen“ keine Bedeutung haben.

So sollte man diese Worte auch aus seinem eigenen Wortschatz verbannen, ehe man sich voll und ganz – ansonsten sollte man davon Abstand nehmen – auf dieses Album einlässt. Nur so hat man zumindest die Chance dieses Album zu verstehen und seine eigene Interpretation von eben diesem zu kreieren. Dabei sollte man sich einen Gedanken stets vor Augen halten: Patrick Kindlon macht es einem nicht leicht. Ist es im doch eigentlich scheißegal, ob man das, was er erschafft, versteht oder wie man das interpretiert. „Enjoy or Don’t“ steht im Sleeve. Treffender kann man das nicht beschreiben. Lassen wir daher knapp achtzig Minuten Self Defense Family auf uns wirken.

Den meisten der Songs wohnt eine angespannte, teilweise hypnotische Atmosphäre inne, die durch aufwühlende Gitarrenriffs und dissonante, oft klaustrophobische Rhythmusspielereien, einen Spannungsbogen aufbaut, der seine Grenzen erst mit dem Ende eines Songs findet, ohne jedoch in sich zusammen zu stürzen. Wirken die Songs auf den ersten Blick wie ein wüstes Sammelsurium von Einzelstücken, harmonieren sie auch auf ihre ganz eigenen Art mit einander und transportieren so Spannung und Atmosphäre durch das komplette Album. Ihren Höhepunkt erreicht diese ausufernde atmosphärische Kraft schließlich in dem zehnminütigen Dingo Fence, dass sich durch ständige Wiederholungen zu einem schmerzhaften Nervenspiel verdichtet. Highlight ist sicherlich ein groovendes Nail House Music, dass sich, von einem enorm eindringlichen Gitarrenspiel getragen, zu einem aufregenden Nervenspiel aufbaut, das schließlich schwer stampfend ein plötzliches Ende findet.

Auffällig ist, dass die Instrumente sich in den richtigen Momenten zurück ziehen, dann jedoch ebenso präzise mit voller Wucht zurückschlagen. So bilden sie den musikalischen Rahmen für die emotionalen Ausbrüche eines Patrick Kindlon, der nach wie vor mit seinen Spoken Words im Zentrum der Songs steht. Kindlon spielt mit Worten, provoziert mit Worten. Bewegt sich zwischen bitterböser Ironie und einfacher Realität, zwischen nebulös und verletzender Offenheit. Er erzählt seine kaputten (und meist authentischen) Geschichten durch diese Verwandlungen derart mitreißend, dass man meint Teil dessen zu sein, da er die entsprechende Gefühlsebene einfach und direkt auf dem Punkt zu bringen vermag. Lediglich das melancholisch-kurzweilige Mistress Appears At Funeral durchbricht diese exzentrische Darbietung, da Kindlon für ein paar Minuten das Mikro an Caraline Coorigan übergibt, die mit einer ruhigen weichen Stimme den Schmerz ein wenig zu mildern scheint. Doch der Schein trügt. Dann man wird das Gefühl nicht los, dass im Hintergrund eine gepeinigte Seele zu Grabe getragen wird.

Und als wenn das alles noch nicht genug wäre, wird dieses erschütternde Drama durch zwei jeweils knapp zwanzig Minuten lange Interviewsessions – Angelique, Pt. 1 und Angelique, Pt. 2 – plötzlich unterbrochen (so zumindest auf der CD-Version des Albums, auf der Doppelvinyl-Version führt das Interview auf der zweiten Scheibe ein Eigenleben). Das Interview thematisiert in nicht minder erdrückender Weise das Leben der Pornodarstellerin Angelique Bernstein, besser bekannt unter ihrem “Künsternamen” Jeanna Fine. Allerdings steht in diesen vierzig Minuten der zerrüttete Mensch Bernstein im Mittelpunkt. So endet das Interview auch noch vor der Pornokarriere Bernsteins. Andernfalls wäre diese Scheibe mit Blick auf Kindlons schonungsloser Direktheit wohl dem Jugendschutz zum Opfer gefallen.

So zieht die Self Defense Family mit Try Me den Kreis weiter, den Dischord Bands wie Rites Of Sping, Fugazi, Nation Of Ulyssuss, Lungfish und Embrace (End Of A Year ist wohl nicht von ungefähr ein Song von Embrace) Mitte der 80ziger geöffnet haben.

Try me? Genau das sollte man, denn Try Me ist ein im positiven Sinne eigenartiges, ja einzigartiges aber vor allem großartiges Album.das ist. Enjoy or Don’t? Enjoy!

Self Defense Family – Try Me

Label: Deathwish Inc
VÖ: 07. Januar 2014

Trackliste
01. Tithe Pig
02. Nail House Music
03. Turn the Fan On
04. Mistress Appears at a Funeral
05. Apport Birds
06. Angelique, Pt. 1
07. Aletta
08. Fear of Poverty in Old Age
09. Weird Fingering
10. Dingo Fence
11. Angelique, Pt. 2

Anmerkung: Auch wenn dies ein großartiges Album ist vermag es die Liveintensität dieser Ausnahmeband nicht wiederzugeben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Hinweis: Das Coverfoto stammt von den Promoseiten auf Deathwish Inc (www.deathwishinc.com).