The Prosecution –Interview mit Lukas Schätzl

Mit At The Edge Of The End haben The Prosecution im letzten Jahr nicht nur ein Album veröffentlicht, das von allen Seiten viel Lob geerntet hat. Darüber hinaus hat die achtköpfige Band aus Bayern mit über 60 Konzerten allein im letzten Jahr gezeigt, dass Party und kritische Themen sich nicht zwangsläufig widersprechen müssen. Grund genug Schlagzeuger Lukas Schätzl ein paar Fragen über die Band und sein eigenes Leben zu stellen. Das folgende Interview nahm seinen Anfang am letzten Wochenende im Jahr 2013 und anschließend ging es munter hin und her. Doch lest nun selbst was Lukas über das Leben mit The Prosecution, über Vegetarismus und über vieles mehr zu erzählen hat.

The Prosecution - Logo
Das Jahr 2013 geht zu Ende. Lass uns einen Blick zurück werfen. Was waren für Euch als Band und für Dich persönlich die bewegenden Momente in diesem Jahr?

2013 war ein sehr verrücktes Jahr, welches für mich deutlicher den je beide Seiten der Medaille gezeigt hat. Wir haben mit unserer Band wahnsinnig viele Erfolge verbucht. Die erste große Deutschlandtour als Support von Reel Big Fish. Das Release von unserem neuen Album. Daraufhin wahnsinnig großes und positives von Seiten der Presse. Außerdem haben wir knapp 60 Konzerte in diesem Jahr gespielt. Jetzt im Jahreswechsel sind wir auch noch auf unserer ersten langen und zusammenhängenden Headliner-Tour. Wunderbar. Die andere Seite der Medaille: Ich hatte seit März Probleme mit meinem linken Bein, erst hatte ich eine Thrombose und im Sommer hab ich mir noch eine Verletzung im Knie eingefangen. So gesehen, bin ich ganz froh, dass 2013 Geschichte ist. Der 1. Januar 2014 war tatsächlich der Tag, an dem ich meine Krücken in die Ecke stellen durfte!

In der Tat, das klingt wirklich nach Licht und Schatten. Doch macht auch neugierig. Wie lassen sich eine Tour als Drummer und Krücken vereinbaren? Sicherlich schmerzhaft. Hast du nie daran gedacht, die Sticks einfach wegzuwerfen und die Tour abzublasen?

Das mit den Krücken war gar nicht so leicht. Ich wurde im Herbst zweimal am Knie operiert und ich durfte dann ganze sechs Wochen mit dem linken Bein nicht auftreten. Da bin ich natürlich für einige Konzerte ausgefallen. Ich konnte das ganze aber planen, hab also einen Ersatzmann angelernt und durfte dann vom Krankenhaus aus verfolgen, wie die anderen feiern. Schön war das nicht unbedingt für mich. Ich will aber, dass die Band vorankommt, deswegen war klar, dass die Konzerte auch ohne mich gespielt werden. Für die Tour, auf der wir gerade sind, hab ich mir als Ziel gesteckt, wieder zu 100% am Start zu sein. Also war ich in den vergangenen Wochen viel Krankengymnastik machen und hab mich bei einem Fitnessstudio angemeldet. Hat fast geklappt. Paradoxerweise hab ich jetzt ein bisschen Probleme mit den Handgelenken, weil ich einfach zu lange auf Krücken unterwegs war und mein Körpergewicht sozusagen mit den Händen getragen habe. Jetzt habe ich zwei Songs im Set die ich leicht vereinfachen musste.

Super Album, pausenlos auf Tour. Dahinter steckt sicherlich eine Menge Arbeit und vor allem Zeit. Was macht ihr, wenn die Band mal grade nicht an erster Stelle steht?

Ja, es ist tatsächlich sehr viel Arbeit. Aber wir haben die einzelnen Aufgaben mittlerweile sehr gut verteilt. Es klingt vielleicht ein bisschen blöd, aber bei einer achtköpfigen Band und 60 Auftritten im Jahr steht die Band bei jedem von uns immer an erster Stelle. Das soll nicht heißen, dass wir unser restliches Leben schleifen lassen. Aber wir müssen schon oft für die Band zurückstecken. Da verpasst man schon mal eine Jubiläums-Hochzeit der Großeltern oder verkracht sich richtig böse mit der Freundin, weil man im dritten Jahr in folge nicht in den Urlaub fahren kann. Im Moment lässt sich das noch ziemlich gut auspendeln. Ein Großteil von uns studiert noch, da klappt das schon irgendwie. Unser Gitarrist und unser Bassist sind eigentlich die einzigen, die arbeiten. Die beiden opfern so gut wie ihren ganzen Jahresurlaub für die Band. Da ziehe ich schon den Hut!

Schön, dass du hier auch mal die „Schattenseiten“ eines Bandlebens ansprichst. Ich denke, die meisten Menschen können sich gar nicht vorstellen, was da eigentlich für eine Arbeit drin steckt. Jetzt muss ich an Euren Song „Sofa Spuds“ von eurem aktuellen Album denken. Der Song zielt zwar mehr auf Modelcasting-Shows. Aber ich denke, das lässt sich auch auf andere Casting-Shows übertragen, in denen auch immer eine tolle heile Welt gezeigt wird, wo man leicht und schnell zum Star wird, während die Masse einen feiert oder gnadenlos abschießt. Erzähl doch mal, was es wirklich bedeutet, abseits von großen Firmen, Labels und TV-Shows ein Album aufzunehmen und anschließend auf Tour zu gehen.

Konkret bedeutet es einfach, dass wir uns alles selbst erarbeiten müssen und mussten. Die schwierigsten Dinge waren schon immer irgendwie die Tonstudiokosten zu stemmen und Auftritte zu bekommen. Das war am Anfang unserer Bandgeschichte die größte Hürde. Ich will gar nicht wissen, wie viele Millionen E-Mails und Briefe wir an Veranstalter geschickt haben. Wie oft ich am Telefon zu irgendeinem Booker gesagt habe „Hallo, hier spricht der Lukas von The Prosecution. Wir sind eine Skapunk Band aus Bayern…“ Da braucht man Durchhaltevermögen. Jetzt ist der Stein irgendwie ins Rollen gekommen, dafür kommen andere Aufgaben dazu. Zum Beispiel nervt da auf einmal das Finanzamt und will, dass wir eine anständige Buchführung machen, haha.

Ich weiß nicht, wie es ist mit einer großen Firma, TV-Show oder ähnlichem im Rücken Musik zu machen. Ich finde es trotzdem besser, es so zu machen, wie wir es tun. Klein, mit wenig Budget, aber mit Hingabe, Echtheit und Schweiß. Wir sind unsere eigenen Chefs, wir brauchen uns nicht verbiegen. Und darum geht es uns ja auch. Wir machen die Musik ja nicht, um möglichst berühmt und reich zu werden. Im Prinzip wollen wir einfach nur viele coole Shows spielen, rumkommen und nette Leute kennenlernen. Haha, das klingt jetzt ultra romantisch, aber wenn man es auf‘s Grundlegende runter bricht ist das wirklich so. Klar finden wir es dann auch geil, wenn wir  auf einem großen Festival spielen dürfen oder irgendwo fett unser Name steht. Ich fände es auch schön, wenn wir von der Musik leben könnten. Trotzdem. Es ist einfach die Grundmotivation, die anders ist. Bei einer großen Firma wären wir nur eine Kuh, die gemolken werden muss.

Bleiben wir bei eurem aktuellen Album „At The Edge Of The End“. Ihr sprecht ja recht kritisch politische, soziale und gesellschaftliche Themen an. Dagegen bringt man Ska und Punkrock auch oft mit Party und gute Laune in Verbindung. Wieder die zwei Seiten der Medaille. Das wahre Leben immer vor Augen, aber sich die Lust daran nicht nehmen lassen. Passt diese Vermutung? Oder was wollte ihr rüberbringen?

Das trifft es eigentlich ziemlich auf den Punkt. Eigentlich sind unsere Konzerte Partys. Da wollen wir ausgelassen feiern, mal einen zu viel trinken und abtanzen. Trotzdem gibt es mehrere Stellen in unserem Set, an denen wir unangenehme Sachen ansprechen. Da erklären wir dann die Intention eines Songs und zeigen auch ganz klar unsere Meinung. Für uns war das schon immer ganz klar, dass wir nicht nur Liebeslieder singen wollen. Wir sind halt ne Punkrock-Band. Da wird gesagt was einem nicht passt. Noch besser, wir meckern nicht nur, wir tun auch. Mit steigender Bekanntheit nimmt da auch die Verantwortung zu. Man gibt ja mit seinen Texten und Aussagen auch was weiter. Ich war schon recht stolz, als uns mal ein junges Mädchen erzählt hat, dass sie jetzt Vegetarierin ist, weil ihr unser Sänger den richtigen Denkanstoß dazu gegeben hat. Da können sich ein paar unserer Bandmitglieder noch ne Scheibe abschneiden, haha!

Wer schreibt bei Euch die Texte und wer macht das Songwriting? Ich kann mir vorstellen, dass das auch mal schwierig wird, wenn acht (!) Jungs ihren Beitrag leisten (wollen)?

Tatsächlich haben wir uns da sehr gut eingegrooved. Das meiste Material für unsere Songs kommt von unserem Posaunisten, dem Tini. Wir bekommen das schon vor den Bandproben richtig schön als Noten. Damit kann sich jeder super vorbereiten. In der Probe selbst werden die Songs aber dann noch mal komplett auseinandergenommen und da kann dann auch wirklich jeder seinen Beitrag bringen. Wenn ein anderer Ideen für neue Songs einbringt passiert das ähnlich. Oder die Songs entstehen ganz klassisch beim Jammen im Proberaum. Es ist tatsächlich manchmal schwierig Kompromisse zu finden. Zur Not heißt es dann: „Das probieren wir im Studio noch mal aus“. Da hört man es meistens am besten, was geiler klingt. Die Texte kommen zum Schluss und zu 99% von unserem Posaunisten und von unserem Sänger, dem Simon. Da wird zwar auch gerne rumgemeckert (am meisten von mir), aber die beiden haben das super im Griff.

Ein Blick in die Zukunft. Was können wir von The Prosecution in diesem Jahr noch alles erwarten?

2014 wird für uns wieder sehr interessant, wir werden im Januar und Februar keine Konzerte spielen, uns aber in Regensburg einen neuen Proberaum suchen und die Zeit zum Songschreiben nutzen. Es soll nämlich gegen Ende des Jahres wieder ins Studio gehen. Ab März gibt es wieder ne Menge Shows. Es sind auch schon eine Hand voll toller Festivals bestätigt. Unter anderem das Mighty Sounds in Tschechien, das schönste und beste Festival, das ich kenne! UND: Wir basteln endlich an einer Vinyl-Auflage zu unserem aktuellen Album!

The Prosecution - Bandfoto

Du hast das Thema Vegetarismus ja schon angesprochen. Du selbst bist auch Vegetarier. Seit wann und was waren deine Gründe dich schließlich vegetarisch zu ernähren?

Das ist bei mir ein bisschen komisch gekommen. Die Gründe, warum man kein Fleisch essen sollte, liegen ja auf der Hand, das hab ich eigentlich schon sehr lange eingesehen. Ich dachte mir aber immer, dass ich das nie schaffe. Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen, dass ich die Disziplin besitze. Und dann bin ich zufällig Vegetarier geworden. Meine damalige Freundin hat kein Fleisch gegessen. Etwas später meine Mutter auch nicht mehr. Also habe ich eh schon ne Zeitlang sehr wenig Fleisch gegessen. Dann habe ich für ein halbes Jahr in Münster gearbeitet, mein Chef dort war auch Vegetarier. Gewohnt habe ich zu der Zeit bei meinem Vater und dessen Freundin. Die beiden leben mit Ausnahmen vegan. Als ich dann nach dem Praktikum wieder in Bayern war, konnte ich mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal Fleisch gegessen hatte. Seitdem würde ich mich als Vegetarier bezeichnen. Das ist jetzt gut ein Jahr her. Mittlerweile find ich das meiste Fleisch eklig.

Du lebst in einer vegan / vegetarischen WG. Nun gibt es ja auch „Hardcore“-Veganer, die meinen Vegetarier sind auch nicht besser als Fleischesser. Sprecht Ihr das in Eurer WG offen an und diskutiert über Eure unterschiedlichen Standpunkte?

Unsere WG ist da eigentlich sehr tolerant. Einer von uns dreien ist auch Fleischesser. Zwar auch sehr sparsam, aber ganz schafft er es nicht. Über meinen veganen Mitbewohner bin ich sehr dankbar. Seine Freundin und er sind Spitzenköche. Die beiden können mir viel beibringen und zeigen. Das ist echt super. Ansonsten gibt´s nur lieb gemeinte Sticheleien untereinander. Ich darf mir manchmal dumme Kommentare zu meinem Frühstücksei anhören. Dafür wird auch mal neidisch geguckt, wenn ich mir ne extra Portion Käse auf die Pizza haue. Diskussionen gibt es kaum, jeder macht, wie er es für richtig findet.

In der Band ist das ja ähnlich. Die eine Hälfte lebt vegetarisch, die andere isst Fleisch etc. Gibt es diesbezüglich Reibereien oder wie managt Ihr das?

Ja, gibt es leider tatsächlich. Es gibt zwei Jungs in unserer Crew, die nicht glücklich werden, wenn sie kein Fleisch bekommen. Es gibt aber oft „nur“ vegetarisches Catering. Da haben sich viele Veranstalter aus Überzeugung oder der Einfachheit halber so umgestellt. Ich finde das auch gut so. Aber da wird dann schon gemeckert. Wir Vegetarier können das dann wiederum nicht verstehen, warum man unbedingt immer Fleisch braucht. Da kann schon mal diskutiert werden.

Was glaubt du, warum hier in Deutschland Vegetarismus und vor allem Veganismus in vielen Teilen der Gesellschaft immer noch negativ bewertet werden? In anderen Ländern wie England, Australien und den USA sieht das ja schon ganz anders aus. Hier wird das zunehmend positiv bewertet. Sind Lobbyismus und Traditionsdenken in Deutschland einfach zu groß?

Ich bewege mich in einem Teil der Gesellschaft, wo Vegetarismus und Veganismus nicht negativ bewertet wird, deswegen kann ich dazu nicht viel sagen. Ich habe eher das Gefühl, dass die Gesellschaft mit raschen Schritten toleranter wird. Es gibt in fast jedem Supermarkt eine Vegetarische Ecke und auch die meisten Restaurants stellen sich drauf um. Klar, Veganer haben es da noch mal nen Kanten schwieriger. Haha, da fällt mir gerade auf, mein Textverarbeitungsprogramm kennt das Wort „Vegan“ noch gar nicht. Ich finde es extrem schade, dass bei uns vegetarische Lebensmittel nicht gekennzeichnet sind, wie etwa in England mit einem grünen „V“. Das fände ich echt klasse!

Zum Schluss. Verrätst Du uns noch dein (veganes) Lieblingsrezept, das ich dann mal für meine Familie kochen könnte?

Da fällt mir spontan was ganz einfaches, aber super leckeres ein. Das gibt’s bei meinem Vater tatsächlich jeden Tag zum Frühstück. Ein richtiges Kraftfutter um in den Tag zu starten: Bratkartoffeln mit Äpfeln und Zwiebeln. Ich mag es gerne mit vielen und großen Zwiebelstücken aber hauchdünn geschnittenen Kartoffeln. Ja und wie gesagt einfach am Schluss einen geschnittenen Apfel mit anbraten. Zum Würzen empfehle ich auf jeden Fall noch jede Menge Curry!

Vielen Dank für das Interview.

Hinweis: Das Bildmaterial wurde mir freundlicherweise von The Prosecution zur Verfügung gestellt. Auf dem Foto seht Ihr Lukas im grauen Shirt (Dritter von rechts).