reinhören: lagwagon – hang

Lagwagon - Hang (Frontcover)Ein kleiner Ausflug in alte Jugendzeiten. Anfang der Neunziger. Ich hatte gerade Bands wie Bad Religion und NOFX für mich entdeckt. MelodyCore und Skatepunk aus Kalifornien waren in dieser Zeit schwer angesagt. Und so war es kein Wunder, dass mir 1992 das Debutalbum einer jungen Band über den Weg lief, das sich als Dauergast in meiner Stereoanlage einquartierte. Gute Freunde sind wir seitdem geblieben, auch als nur wenige Jahre später – trotz zahlreicher neuer Bands – dieses Genre immer mehr aus meinem Fokus rückte. Lediglich die Alben dieser (damals) jungen Band trällerten bis heute in steter Regelmäßigkeit aus meinen Lautsprecherboxen. Nun steht nach neun langen Jahren mit Hang das achte Album dieser Band in den Läden. Und dieses Album zeigt schon nach wenigen Minuten warum ich seit über zwanzig Jahren mit unverminderter Begeisterung Platten von Lagwagon auf meinen Plattenteller lege.

Dabei beginnt Hang erst einmal gar nicht so wie erwartet. Burden Of Proof – eine nachdenkliche Akkustiknummer mit Gesang und Gitarre – erinnert vielmehr an die Soloprojekte von Joey Cape, zeigt aber auch die Grundstimmung des Albums. Wurde in früheren Jahren noch mit fröhlichen und bunten Farben gemalt, zieren Hang nun dunkle Farben und Töne. Auch wenn das folgende Reign dann plötzlich Fahrt aufnimmt und man geneigt ist zu sagen „Yeah, Lagwagon klingen wie und eh.“, ist es nicht mehr das was man von den Jungs aus Kalifornien gewohnt ist. Etwas Grundlegendes hat sich geändert. So klingen die neuen Songs insgesamt recht düster, eine Tatsache die der jüngeren Vergangenheit der Band geschuldet ist. So musste man vor längerer Zeit den tragischen Verlust von Drummer Derrick Plourde verkraften und im ebenso traurigen Kontext ist One More Song eine musikalische Verbeugung vor Tony Sly (No Use For A Name), einem langjährigen Weggefährten und guten Freund der Band, der 2012 leider viel zu früh verstarb. Dabei ist One More Song nicht nur eine erstklassige Punkrocknummer. Vielmehr lässt dieser Song tief in Herz und Seele einer charismatischen Band blicken, die sich nicht verschließt, sondern öffnet und so jederzeit ehrlich und authentisch rüber kommt. Neben diesen Schicksalsschlägen, diesen dunklen Momenten haben Themen wie Verrat, Altwerden, die Umwelt und die Not des kleinen Mannes den Songwritingprozess maßgeblich beeinflusst. Allesamt verständliche Gründe für Veränderungen, die auch vor den Menschen hinter Lagwagon nicht Halt machen und so den Songs einen eher düsteren Touch verleihen.

Doch das ist nur die eine, die neue Seite von Lagwagon. Neben Melancholie und Trauer vereint Hang alle Stärken der Band, die insbesondere auf den Alben Duh, Trashed und Let´s Talk About Feelings deutlich zu hören sind. Unverkennbar, diese enorme Melodieverliebtheit, diese cleveren Hooklines, diese kompakten Rhythmen. Diese unglaublichen metallischen und kraftvollen Gitarrenriffs, die sich gerne mal ein Solo erlauben (wie auf Western Settlements), während Bass und Drums auf unwiderstehliche Art und Weise die Songs nach vorne peitschen. Temporeicher Skatepunk eben, der jedoch vor Ideen strotzt, immer neue Wege findet, neugierig macht, jederzeit interessant bleibt. Und natürlich ist da noch Joey Cape, der mit seiner unnachahmlichen Stimme die Stimmung der Songs genau auf die richtige Gefühlsebene transportiert. Man fühlt den Schmerz, den Verlust, die Wut, den Trotz aber auch die Freude, die Texte und Musik ausdrücken. Dies in jeder Silbe, mit jedem seiner Worte. Punkrock oder eben MeldyCore mit jeder Menge Gefühlt, mit einer ganz besonderen, weil sehr persönlichen Note.

Lagwagon live (© Imelda Michalczy)

Lagwagon live (© Imelda Michalczy)

Und so ist Hang ein Album mit vielen Gesichtern, das Gegenwart und Vergangenheit, alte und neue Stärken auf wunderbare Weise vereint. Ein Album, das auch zeigt, dass Lagwagon in nunmehr 24 Jahren keinen Funken Leidenschaft und Energie verloren haben. Abgerundet wird diese Scheibe durch eine makellose Produktion von Bill Stevenson (Descendents), der erneut erstklassige Arbeit geleistet hat.

Insgesamt ein bemerkenswertes Album. Vielen Dank Lagwagon. Schön, dass Ihr wieder da seid ohne jemals wirklich weg gewesen zu sein.

Lagwagon – Hang

VÖ: 31. Oktober 2014
Label: Fat Wreck Records

Trackliste
01. Burden of Proof
02. Reign
03. Made of Broken Parts
04. The Cog in the Machine
05. Poison in the Well
06. Obsolete Absolute
07. Western Settlements
08. Burning Out in Style
09. One More Song
10. Drag
11. You Know Me
12. In Your Wake

Hinweis: Das Bildmaterial und eine Promoversion des Albums wurden mir freundlicherweise von Uncle M zur Verfügung gestellt.