TV-Doku: Vegan grillen unter Campern

Der folgende Beitrag stammt ausnahmsweise mal nicht aus meiner Feder, sondern von einer sehr guten Freundin. Daher kann auch ich mich nun entspannt zurück lehnen, um den folgenden Gastbeitrag von Sabrina zu lesen. Sabrina war im Sommer dieses Jahres die Hauptdarstellerin in einer TV-Sendung und ein Schwerpunkt in dieser Sendung war die Dokumentation „Vegan grillen unter Camper*Innen“. Zumindest dieser Teil der Sendung war wirklich interessant und sehenswert. Genug der Vorrede. Lest nun selbst was Sabrina über diesen spannenden Tag zu erzählen hat. Freut Euch auf einen überaus charmanten und spannenden Bericht. Vielen Lieben Dank Sabrina.

Welcher Einladung zum Essen folgen die meisten Veganer*innen wohl besonders ungern? In meinem Fall hätte ich immer geantwortet: Eine Einladung zum Spanferkel-Essen, ein Abend in einem Steakhaus, in dem es angeblich ja so tolle Salatbuffets geben soll…oder zum Grillwettbewerb mit Fleischesser*innen.

Warum ich einer Einladung zu Letzterem nun doch gefolgt bin, hatte mit einigen besonderen Umständen im Vorfeld zu tun:

Vor einiger Zeit gelangte die Anfrage eines Fernsehproduktionsteams über einen großen Interessensverbund an eine Freundin. Dieses benötigte eine Person, die für eine Dokumentation über eine der beliebtesten Sommer-Beschäftigungen der Deutschen, nämlich Grillen, einer Gruppe von Dauercamper*innen vegane Alternativen zum sonst eher fleischlastigen Verköstigungsprogramm nahe bringen könnte. Zunächst war die Begeisterung unsererseits darüber erstmal begrenzt. Skepsis machte sich breit: Wollen die uns Veganer*innen und unsere Lebensweise als spießige Gegenbewegung zu den coolen Grillmeister*innen darstellen? Wollen die uns denunzieren? Unsere Bedenken überraschten uns selbst. Hatte das jahrelange Vegan-Leben und sich bei jeder Mahlzeit mit Andersdenkenden rechtfertigen müssen, bei oftmals gleichzeitiger Moralisierung unseres Essverhaltens, seine Spuren bei uns hinterlassen? Waren wir wirklich paranoide, immer skeptische und verkniffene Veganer*innen geworden, die sich lieber nicht mehr öffentlich äußern, vor lauter Angst der gerade immer weiter aufkeimenden veganen Bewegung zu schaden oder wie die letzten Klischee-Veganer*innen bei Frauentausch vorgeführt zu werden? Hatte uns die Angst, dass uns die Worte im Munde verdreht würden und aus Sätzen wie: „Für den Konsum von Fleisch sterben fühlende Wesen in großer Zahl einen schrecklichen Tod“ ein simples „Fleisch ist Mord“ zusammengeschnitten würde, so sehr im Griff? Nein so wollten wir nicht sein. Wir wollten uns nicht durch die Klischees die schlechte Fernsehsendungen aus uns gemacht hatten (spaßresistente Öko- Freaks mit fettigen Haaren und Jutesackklamotten) bestimmen und aus dem Mediendiskurs wegmobben lassen. Nein, wir mussten die Chance ergreifen, um ein anderes Bild von uns in den öffentlichen Diskurs einzubringen: Ein Bild von entspannten, interessanten und offenen Menschen, mit Spaß bei der Sache, ohne den politischen Anspruch und die gesellschaftliche Ansprechbarkeit für die Idee dahinter zu verlieren.

Außerdem bewerteten wir es positiv, dass der große TV-Sender selbst auf den Trichter gekommen war, dass man keine Grill-Doku mehr machen sollte, ohne die inzwischen zahlreichen fleischlosen Alternativen aufzuzeigen. Diesen Gesinnungswandel wollten wir aufgreifen. Also überlegten wir, wer von uns den Job übernehmen könnte. Nun, kurz gesagt: ich wurde von Allen als kompetenteste Person für den Job ausgewählt, denn ich hatte am Drehtag noch nichts vor.

Ich rief also den Regisseur an und bestätigte ihm mein Kommen. Dieser erwies sich als sympathisch und sehr offen für unser Thema und erklärte mir, was passieren würde: Der Dreh sollte auf einem Campingplatz stattfinden (Originalschauplatz der beteiligten Camper*innen). Ich sollte mit einem der Männer etwas veganes zubereiten, dieser hätte großes Interesse daran und fände die Grillabende auf dem Campingplatz selbst oft etwas fleischlastig. Das vegane Essen sollte dann an seine Kumpels verköstigt werden, welche dann, quasi als echte Gate-Keeper für eine Etablierung der veganen Lebensweise auf den Campingplätzen in Deutschlands, dieses bewerten sollten.

Den Rest der Woche schlief ich unruhig bis gar nicht-alle gruppeninternen Paranoia und Ängste hatten sich tief in meine von Zweifeln geplagte Seele gefressen. Was wenn ich etwas Falsches sage oder tue, alle das Essen schrecklich finden oder oder oder?

Der Drehtag kam und ich murmelte mir, wartend auf das Drehteam am Schauplatz, aufmunternde Worte zu. Aber so leise wie möglich, als Veganer*in will mensch ja nicht auch noch mit anderen Verrücktheiten auffallen. Das Drehteam und der junge Mann, den ich in Sachen fleischloses Grillen beraten sollte, waren sehr nett und gut gelaunt. Der Drehtag begann also entspannt und meine Ängste konnten zerstreut werden. Der erste Part fand in einem Bioladen statt, dort sollten die fleischlosen Alternativen von zwei Campern eingekauft werden. Diese erwiesen sich, nach einer kurzen Einweisung von mir in die komplexe Symbolik und wesentliche Erkennungszeichen veganer Ware („achtet auf die Blume!“) als kompetent im Einkauf eben solcher Produkte. Außerdem waren sie ganz angetan vom Aussehen der Produkte. Auch die Diskussion warum Veganer*innen denn kein Fleisch essen und dann Sachen kochen, die aber genauso aussehen, konnten für beide Seiten befriedigend geklärt werden. Einzig der eingeschweißte, ungewürzte Block „Tofu Natur“ machte mir bezüglich einer schmackhaften Zubereitung für den Grill ernsthafte Sorgen.

Zurück am Platz wurde ich tatsächlich verkabelt und mit meinem Vegan-Experiment-Partner beim Zubereiten der Speisen gefilmt. Meine Wahl war auf die Zubereitung von Curryvurst gefallen, ich fand das passte gut, dazu ein paar ausgewählte Fertiggrillfleischersatzprodukte einer beliebten veganen Produktionsfirma. Der Tofublock wurde kräftig mit einer würzigen, selbsthergestellten Paste eingecremt und dann alles auf den Grill gelegt. Die anderen Camper durften zum Probieren rüber kommen. Ich muss gestehen, dass ich die Luft anhielt, als diese die Sachen verköstigten. Aber es gab gar keinen Grund zur Aufregung: Die Sachen kamen richtig gut an. Die Skepsis war groß, aber Geschmack und Konsistenz überzeugten. Das Tüpfelchen auf dem V war aber für alle die Curryvurst-Soße. Leider konnte ich das Rezept hierfür nicht verraten-altes Familienrezept von meiner Oma (Ha Ha, war `ne Tube Hela-Ketchup-wer sagt denn dass alle Veganer*innen nur gesunde Sachen selbst herstellen, aber dieses Klischee wollte ich nicht auch noch zerstören…). Einzig der Tofu-Block…naja sagen wir mal, es war halt ein Tofu-Block…ich mag das ja sehr gerne, aber kann es niemanden verübeln, dem das zu geschmacklos ist. Wobei ich dabei immer anmerke, dass rohes Hackfleisch ohne Gewürze sicher auch nicht grad eine Geschmacksexplosion ist. Die Fragen der Camper konnte ich weitestgehend beantworten („und Du isst wirklich NIEMALS Fleisch? Und woher bekommst Du dann Deine Vitamine?!?“), die übrig gebliebenen Grillsachen nahmen diese sogar mit zu ihren Parzellen („war echt gut, vergrillen wir morgen“) und so endete der Drehtag.

Die Wochen danach schlief ich erneut unruhig. Fragen wie: Hatte ich nicht an verschiedenen Stellen etwas Blödes gesagt? Oder: Habe ich nicht total dämlich ausgesehen als ich den Tofu bestrichen habe? Die Ausstrahlung der Sendung musste ich leider nach dem Konsum eines großen Glases Rotwein verfolgen-mein Nervenkostüm hing einfach zu flatterig an mir herunter.

Dabei gab es nicht den geringsten Grund für die ganze Panik: Der Teil der Doku im den es um das Thema Vegan-Taste-Day für Camper ging, war der ansprechendste Teil der ganzen Sendung und ich sah zwar blöd aus habe aber nicht allzu großen Schwachsinn von mir gegeben. Und das ist ja das Wichtigste.

Fazit: Die große Skepsis der Verköster ist nicht nur durch den guten Geschmack der Ware aufgelöst worden, sondern vor allem durch die Art und Weise des Umgangs mit ihnen und ihrer Skepsis: Es war die lockere, ungezwungene Atmosphäre, die es herzustellen galt, die der positiven Sicht auf die Tofu- und Seitanprodukte den Weg bereiten konnte. Eine Atmosphäre, in der sich niemand veralbert oder moralisiert vorkommen musste. Mit steter Skepsis und vielen Fragen müssen anders-Lebende unserer Gesellschaft ja immer umgehen lernen und die Art und Weise des Umgangs hiermit und mit den Zweifeln der Anderen machen eine Menge aus, wie diese in Zukunft Themen wie Veganismus begegnen, verstehen und weiter tragen. Diese Verantwortlichkeit ist eben da. Iss halt nicht nur Spaß, es geht ja um Leben. Insbesondere bei der Gestaltung dieser Themen in den Medien finde ich das besonders wichtig.

Soviel zu meinem Beitrag den Veganismus in den medialen Diskurs einzubringen-kann mensch ja nicht alles dem Attila überlassen.

Sabrina