Das vegane Vitamin B12 Dilemma und eine kleine Portion Humor

Immer wieder wird Vitamin B12 als Argument gegen eine vegane Ernährung aufgeführt. Warum eigentlich? Leben wir doch in einer Welt der Unnatürlichkeiten.

Vor gut einer Woche erreichte diesen kleinen Blog ein äußerst charmanter Kommentar zu einem meiner Energiebällchenrezepte. Nichts Außergewöhnliches natürlich. Kommentare sind ja keine Seltenheit. In der Regel werden diese auch von einer ebenso charmanten Antwort meinerseits kommentiert. Ja, so kommuniziert man im SocialWeb 2.0. Schön anonym und oft auch mit Pseudonym. Nun war das jedoch einer dieser Kommentare, nein, es war der erste Kommentar, der mich dazu aufgefordert hat, mehr als nur eine kurze Antwort zu hinterlassen. Dabei ging es um das für viele Veganer*Innen so unliebsame Vitamin B12 Dilemma. Also ein Thema, das 99% aller hierzulande lebenden Menschen so rein gar nicht interessiert. Abgesehen davon wage ich zu behaupten, dass die meisten Menschen keinen blassen Schimmer davon haben. Lediglich die geschätzt weniger als 1% der Gesamtbevölkerung, also der / die gemeine Veganer*In (hoffentlich) und darüber hinaus all diejenigen, die sich mit den Themen Veganismus und / oder Vitamin B12 aus Interesse oder auch zwangsweise auseinandersetzen (müssen). Darunter auch solche Zeitgenossen*Innen , die Vitamin B12 als vernichtendes Argument gegen eine rein pflanzliche Ernährung gebrauchen. In vielen Fällen passt Missbrauch sicherlich besser als Gebrauch. Den angesprochenen Kommentar habe ich dann auch in eine solche, nennen wir sie Ich-hau-mal-richtig-auf-die Kacke- Schublade gesteckt. Zum Hintergrund, ich habe es doch tatsächlich gewagt in meinen Rezept das Wort natürlich – ich bin der Meinung Selbstgemachtes aus wenigen ausgesuchten Zutaten ist in der Regel natürlicher als die meisten gekauften Produkte – zu verwenden. Ein Tatsache, die ich immer noch genauso unterschreiben würde.

In meinen Beiträgen zum vegan Wednesday mache ich jedoch jeweils am Ende eines Beitrags darauf aufmerksam, dass ich, wie es sich für einen aufgeklärten und pflichtbewussten Veganer gehört, Vitamin B12 supplementiere. So, da ist das Dilemma. Vitamin B12 kommt, außer in der Welt veganer Träumer*innen, in pflanzlicher Nahrung nicht vor und muss (!) daher von allen Veganer*Innen in welcher Form auch immer ausreichend supplementiert werden. Schön, dass nur selten jemand erwähnt, dass sogar viele Nicht-Veganer*Innen in unserer Gesellschaft einen Vitamin B12-Mangel haben. Doch das würde in jeder Diskussion ja eher schädlich sein und daher schweigt man über diese Tatsache gerne hinweg. Wäre ja auch schön blöd sich ins eigene Knie zu schießen. Dann doch lieber schweigen oder gar verdrängen als ehrlich sein. Das kann Mensch ja besonders gut. Wie dem auch sei. Der / die gemeine Veganer*in greift also auf ein synthetisches Produkt zurück, die Form sei mal Nebensache an dieser Stelle, und genau das ist, richtig, unnatürlich, was wiederum als Konsequenz bedeutet, dass auch die vegane Ernährung in Gänze unnatürlich und somit falsch ist. Ich fasse zusammen: Ein winziger Teil ist unnatürlich und somit die komplette Sache. Wenn es nur um ein Kommentar ging, würde ich sagen „Scheiß drauf, Wichtigtuer!“. Nun ist mir dieser Argumentationsansatz jedoch schon mehrfach vor die Füße geworfen worden. Zeit also, sich damit mal ein wenig intensiver auseinander zu setzen.

Allerdings, warum muss ich das eigentlich? Als wenn ich nicht wüsste, dass ein synthetischer Stoff nicht natürlich ist. Man, ich Dummerchen. Wie war das mit McFly? Dabei sagt man doch, der / die gemeine Veganer*in ist allgemein gut gebildet. OK, Statistiken sind manchmal auch nicht mehr wert als ein Hundehäufchen oder noch besser, eh alle gefälscht oder verfälscht und somit nichts anderes als Teufelswerk veganer Interessengruppen, um die eigene Sache zu beschönigen und alles andere mies zu machen. Dabei liegt es doch auf der Hand. Ja, eine Supplementierung ist, Achtung festhalten, tatsächlich unnatürlich. Doch wird damit eine ganze Lebensweise mit allem was dazu gehört ebenso unnatürlich? Abgesehen davon, ist das überhaupt wichtig? Gehen wir mal ins Detail, wir reden hier über genau 3µg (*siehe Hinweise). Also genau 3 Mikrogramm meiner täglichen Nahrungszufuhr. Ich wiederhole, damit wir uns der immensen Tragweite auch bewusst sind: 3µg. Und genau diese 3µg sollen nun also eine gesamte Ernährungsweise infrage stellen? Gut kann man machen, wie so vieles in der heutigen Zeit. In der übrigens so manches nicht mehr wirklich natürlich ist. Nur interessiert das keine Sau. Ups, das war jetzt unpassend. Schließlich ist vieles zur Gewohnheit geworden was per so auch mal gewaltig unnatürlich war. Und nur die wenigsten Dinge bringen weniger Gewicht als die besagten 3µg auf die Waage. Dabei weiß ich nicht einmal wie schwer ich diese Gewichtsklasse überhaupt einordnen soll. Also, über mein Vorstellungsvermögen geht das hinaus. Okay, 3µg sind immerhin 0,000003g. Schaue ich mir diese Zahl losgelöst vom Kontext an, neige ich dazu vor Lachen fast vom Stuhl zu fallen. Doch lassen wir das, schließlich wird das der Sache nicht gerecht. Ich versuche mich zu beruhigen, was mir jedoch schwer fällt. So ganz kann ich meine Mundwinkel, die immer wieder in ein leichtes Schmunzeln fallen, noch nicht kontrollieren.

Nun aber zum Ernst der Sache. Ja, eine Supplementation ist unnatürlich. Moment, was schreibt der Typ da grade? War das nicht eben auch ein Schuss ins eigene Knie oder gar in den Rücken aller Veganer*Innen. Ja, kann man so sehen. Aber mal halblang. Supplementation ist ja schließlich nichts anderes als sich Ersatzmittel reinzupfeifen, um nicht elendig Grunde zu gehen. Vielleicht etwas überspitzt. Doch genau dieses Bild wird ja oft gemalt. Diesen hippen Veganer*Innen fehlt es an Eisen, Calcium, nicht zu vergessen Eiweiß und Vitamin B12 sowieso. Kennt man, oder? Die Tatsache, dass man auch durch eine rein pflanzliche Ernährung ausreichend und auch darüber hinaus (Ausnahme? Ja, genau, Vitamin B12) versorgt ist, ja, wenn man es denn „richtig“ macht, wird dank DGE und Co gerne komplett ausgeblendet. Also gut, 3µg Synthetik sind unnatürlich. Doch diesen Satz muss man sich im Zeitalter der Unnatürlichkeiten mal auf der Zunge zergehen lassen. Das grenzt schon an bitterbösen Sarkasmus. Wir leben in einer Zeit, in der wir das Unnatürliche durch Gewohnheiten zum Natürlichen gemacht haben. In einer Zeit, in der das Unnatürliche unseren Alltag bestimmt. Und dann kommen liebe nette Menschen mit solch einem Satz um die Ecke. Moment, ich muss mir kurz gegen die Stirn schlagen, um das zu verarbeiten. Hin und wieder brauche ich da etwas länger. OK, Gedanken sortiert, kurz überlegt und schon wieder muss ich mir ein böses Lachen verkneifen.

Wir lassen uns neue Herzen, künstliche Hüften und andere Körperteile einpflanzen. Oder ein Bypass? Auch immer wieder gern gesehen. Man, das ist wirklich natürlich. Immerhin müssen wir uns so keine Sorgen mehr machen, wenn die Borg irgendwann dann tatsächlich unseren friedlichen und beschaulichen Planeten besuchen (verzeiht meinen Ausflug in unendliche Star Trek Welten). Tja, die Borg würden sich hier richtig heimisch fühlen. Zudem wird die Freude unserer Besucher schier grenzenlos sein. Schließlich haben wir Ihnen schon den Großteil Ihrer Arbeit abgenommen und die gewaltsame Eingliederung ins Kollektiv bleibt uns erspart. Super Sache eigentlich. Leider müssen wir dann jedoch auf den gewohnten Willkommensgruß „Wir sind die Borg. Ihre biologischen und technologischen Besonderheiten werden den unsrigen hinzugefügt. Widerstand ist zwecklos!“ verzichten. Gut damit kann man sicherlich leben. Hauptsache wir sind natürlich geblieben. Und eine Borgparty stelle ich mir auch überaus amüsant vor.

Dann schmieren wir uns Schminke ins Gesicht, Pulver auf die Augenbrauen, falls wir diese noch nicht haben zupfen lassen, und Klebezeugs in die Haare, um, ja um was eigentlich? Damit unser Spiegelbild irgendwelchen Puppen in Hochglanzmagazinen entspricht? Damit wir uns vor uns selbst verstecken können? Damit wir den anderen gefallen? Man, ich dachte diese Ideale definieren die Gesellschaft im Kapitol von Panem (verzeiht meinen Ausflug in literarische Jugendkultur) und finden Ausdruck in grotesken Gestalten, die nur noch ansatzweise an das Natürliche im Menschen erinnern. Nicht falsch verstehen. Wer meint sich dieses ganze Zeug ins Gesicht, Haar oder wo auch immer schmieren zu müssen, bitte macht das. Kein Problem. Doch natürlich ist das definitiv nicht.

Ein Leben ohne Autos, Plastik, Fernreisen und anderen Luxusgütern, die Mensch gerne im Überfluss konsumiert, können wir uns auch nicht mehr vorstellen. Die Tatsache, dass wir damit unseren Planeten jeden Tag näher an den Abgrund schieben, wen interessiert’s? Den Dreck, den wir in die Luft pusten, kann man schließlich nicht sehen und die Auswirkungen treten zum Glück erst einmal andernorts auf oder treffen folgende Generationen. Man, Gott bewahre (verzeiht meinen erneuten Ausflug in die Literatur), genauso hat sich das der Typ da oben vorgestellt, als er, wann auch immer, diesen Planeten erschaffen hat. Wahrscheinlich kann er sich vor Freude und Begeisterung nicht mehr auf dem Stuhl halten und muss sich stündlich ein paar Beruhigungspillen einwerfen, um nicht vor lauter Lachen zu ersticken. Ja, wir haben das ganz in seinem Sinne geschaukelt. Immerhin haben wir all das auf natürlichem Wege geschafft. Chapeau! Jaja liebe Nicht-Kreationisten, im anderen Sinne gilt das für Mutter Natur natürlich auch.

So konnte man diese Liste weiterführen und weiterführen. Ja, das wäre sicherlich ausreichend Stoff für ein tolles Buch „Wie wird das Unnatürliche zum Natürlichen gemacht haben – Bequemlichkeit und Gewohnheiten haben es möglich gemacht.“ Doch natürlich (haha) will darüber niemand sprechen. Denn an Gewohnheiten und Liebgewonnenen mag man schließlich nur ungern rütteln. Aber zum Glück gibt es ja diese unverbesserlichen Veganer*Innen (und natürlich andere Freaks und Minderheiten) auf deren Köpfen man herum tanzen kann. Und das ist ja auch natürlich, mal in den Spiegel schauen und die eigenen Schattenseiten zu erkennen oder sich selbst, oh ja, kritisch zu hinterfragen, das passt einfach nicht zum Menschen 2.0. Oder? Schon mal drüber nachgedacht? Oder auch darüber, warum man über 3µg in einer Welt der Unnatürlichkeiten solch ein Aufsehen macht?

Naja, zum Glück sind Sarkasmus und Ironie gute Kumpels von mir und ich selbst nehme solche Kommentare und Sprüche mit einer gesunden Portion Humor. Daher freue ich mich auch über Fragen, Anregungen und Kritik. Vielleicht gibt es ja wieder was zum Schmunzeln.

Kurzer Hinweis: Mein kurzer Ausflug in die Welt des Unnatürlichen hat übrigens keinen Halt bei „veganen“ Themen gemacht. Vielleicht ist das ja aufgefallen. Tut mir leid, dass ich auf diese kritischen Diskussionsansätze nicht eingegangen bin. Allerdings wäre das bestimmt ein kommentarreicher Spaß geworden. Naja, ein andermal…

Noch ein Hinweis: Die angegeben 3µg sind die Mindestempfehlung der Vegan Society. Die Empfehlungen der Vegan Society hier noch einmal im Überblick.

  • Iss oder trinke mehrmals am Tag (jeden Tag) angereicherte Lebensmittel um auf mindestens 3µg Vitamin B12 täglich zu kommen
  • ODER nimm jeden Tag ein B12-Präparat mit mindestens 10µg zu Dir
  • ODER nimm wöchentlich ein B12-Präparat mit mindestens 2000µg zu Dir.

Warum ODER? Er gibt eben gleich mehrere Wege, die ans Ziel führen. So kann der Organismus Vitamin B12 besser absorbieren, wenn man häufig kleine Dosen Vitamin B12 zu sich nimmt. Das bedeutet aber auch, je größer die Zeitabstände zwischen den Einnahmen sind, desto höher muss die Dosis sein. Übrigens, Vitamin B12 kann man nicht überdosieren. Was nicht genutzt wird, scheidet der Organismus einfach wieder aus. Möchte man also auf Nummer Sicher gehen, kann man durchaus höhere Dosen Vitamin B12 zu sich nehmen. So ist auch eine Kombination der oben aufgeführten Empfehlungen denkbar (ich selbst praktiziere das auch so).