reinhören: orbit the earth / the tidal sleep – split ep

The Tidal Sleep / Orbit The Earth - Split EP (Cover)Nach zwei großartigen Scheiben auf This Charming Man Records – Aphelion von Orbith The Earth in 2013 und Vorstellungskraft von The Tidal Sleep in 2014 – bringen beide Bands nun eine gemeinsame EP raus, die je Band drei neue Songs sowie jeweils einen Coversong der anderen Band beinhaltet.

Im Falle von Orbit The Earth kommt diese EP sicherlich etwas überraschend. Schließlich verließen Sänger und Bassist die Band. Der Gedanke an eine Auflösung lag da auf der Hand. Doch weit gefehlt. Gitarrist und Songwriter Julian steht nun auch am Mikro, Lukas Rehmann übernahm den Part am Bass. Doch es gibt noch weitere, wenn auch nur kleine Änderungen.

Das Phantastische, das auf Aphelion allgegenwärtig war, zeigt sich nur noch selten. Dennoch, die Experimentierfreude ist geblieben. Nur das Chaos wurde etwas gezügelt. Der musikalische Wahnsinn wird so etwas zugänglicher. Der dichte Nebel hat sich etwas gelichtet. Allerdings fehlen nun diese fesselnde Verrücktheit, dieses Herumreißen, dieses Unerwartete und sicherlich auch der eine oder andere Gänsehautmoment. Dadurch bedingt treibt man nun durch eine eher friedliche Atmosphäre. Wandert ungestört durch endlos weite Traumwelten. Das alles klingt nun versöhnlich, ja beinahe besinnlich. Aber trotzdem immer noch nach Orbit The Earth. Nur eben eine Spur leiser. Aber immer noch mitreißend und unglaublich stimmungsvoll. Lediglich das The Tidal Sleep Cover schießt über das Ziel hinaus. Setzt zunächst zum Höhenflug an, stürzt dann auf halber Strecke plötzlich ab, kollidiert mit deplatzierten Hintergrundgesängen, zerbricht an zu vielen Samples und Effekten und somit schließlich an sich selbst. Schade, die beinah sphärische Wirkung der vergangenen Minuten löst sich so leider wieder in Luft auf.

Schon im nächsten Song ändert sich dieses Bild jedoch wieder schlagartig. Augen schließen, The Tidal Sleep und The Valley Dweller nehmen uns mit auf eine Reise zu den Sternen. Stelle ich mir vor, ich würde dort oben auf das Hier und Jetzt hinunter schauen, dann wäre das die perfekte Hintergrundmusik. The Tidal Sleep zeigen hier ihr Gespür für eine fesselnde musikalische Dramatik, die auch während der nächsten beiden Songs keinen Hauch an Spannung einbüßt. Da sind diese phantasievollen Melodien und diese zauberhaften Delay-Gitarren, die immer wieder wundervolle Bilder heraufbeschwören und zum Träumen einladen. Urplötzlich entstehen aus diesen eher besinnlichen Klangwelten mächtige Soundwände, die ganz tief am eigenen Sein nagen, ehe der nächste gefühlvolle Part wieder inneren Frieden schenkt. Auf der anderen Seite dieser verzweifelte Gesang von Sänger Nicolas. Zu jeder Zeit mag man mitleiden, mitfühlen, aber auch mithoffen. Die gewohnt guten und bildlichen Texte unterstreichen all das und machen diese drei Songs zu etwas ganz Besonderen. Leider gilt das nicht für das abschließende Orbit The Earth Cover. Das beginnt zwar druckvoll und chaotisch, zeigt beeindruckend die progressive Seite von The Tidal Sleep. Doch der Weg ins Epische wirkt anschließend doch ein wenig zäh.

Trotz der beiden Kritikpunkte schenken uns Orbit The Earth und The Tidal Sleep eine wunderschöne Split EP mit vielen großen Augenblicken. Danke hierfür.

Orbit The Earth / The Tidal Sleep – Split

VÖ: 10. April 2015
Label: This Charming Man Records

Tracklist:
Orbit The Earth
01. Firmament
02. Into Aerospace
03. Scavengers
04. Ghost Poetry (The Tidal Sleep Cover)
The Tidal Sleep
05. The Valley Dweller
06. The Calumet
07. The Descent
08. Fading Transmission (Orbit The Earth Cover)

Hinweis: das Bildmaterial und eine Promoversion des Albums wurden mir freundlicherweise von Backstage Broadcast zur Verfügung gestellt.