roots of compassion (Interview)

Seit nunmehr 12 Jahren zählt der Online-Shop von roots of compassion und das dazugehörigen Ladenlokal in Münster für mich zu den wichtigsten Adressen für den Einkauf von veganen Produkten. Das Angebot reicht von veganen Lebensmitteln über Kleidung bis hin zu Büchern, DVDs, Stickern und vieles mehr. Darüber hinaus werden seit 2008 über den eigenen Verlag compassion media auch Bücher veröffentlicht. Darunter Kochbücher sowie Bücher zum Thema Tierrechte und sogar einige schöne Kinderbücher. Doch einige andere Punkte machen roots of compassion aus meiner Sicht zu etwas ganz Besonderem. Zum einen steht roots of compassion für die Arbeit als Kollektiv, d.h. es gibt weder einen Chef noch eine Chefin. Im Gegenteil. Man arbeitet ohne gängige Hierarchien zusammen, alle Entscheidungen werden gemeinsam getroffen und jede*r aus dem Kollektiv erhält den gleichen Stundenlohn. Zum anderen zeigt roots of compassion allein durch die angebotene Produktauswahl, dass vegan mehr bedeutet als nur tierliche Produkte aus der Ernährung zu streichen. Tier- und Menschrechte, Anbau, Herstellung und vieles mehr gehört letztendlich auch dazu. Und schließlich steht nicht das Wirtschaften, auch wenn das sicherlich nicht unwichtig ist, sondern Aufklärung und das Verbreiten von emanzipatorischen Ideen im Vordergrund.

Roots of Compassion - Wanschschild SchriftzugNachdem ich im letzten Jahr die Möglichkeit hatte Julia und Alexander aus dem roots of compassion Kollektiv auf dem veganen Weihnachtsmarkt hier in Duisburg ein wenig näher kennenzulernen, hat es mich sehr gefreut, dass mir Alexander einige Fragen zu Themen, die mich persönlich sehr interessieren, im Rahmen eines Interviews sehr ausführlich beantwortet hat. Genau das möchte ich Euch natürlich nicht vorenthalten. Auf geht’s. Viel Spaß.

Hallo, stellt Euch und roots of compassion doch bitte zunächst einmal vor.

roots of compassion ist ein veganes und herrschaftkrisches Kollektiv, bestehend aus 10 Mitgliedern und ansässig in Münster. Wir betreiben neben einem Onlineshop auch den ersten rein veganen Verlag Deutschlands: compassion media.

roots of compassion erblickte vor knapp 12 Jahren das Licht der Welt. Das war zu einer Zeit, in der (im Vergleich zu heute) vegane (Online-) Shops noch rar waren. Was war seinerzeit der Auslöser für die Gründung von roots of compassion?

Angefangen hat alles 2001 in Brisbane, Australien. Marc, unser ältestes Kollektivmitglied, und Sarah, seine damalige Partnerin, verkauften bei Konzerten und Demonstrationen veganen Kuchen und legten Informationsmaterial zu Veganismus und Tierrechten aus. Grund dafür war ihre fundamentale Kritik an bestehenden Tierausbeutungsverhältnissen. Dabei kam die Idee, auch Buttons und T-Shirts zu entwerfen und den Erlös der Tierrechtsbewegung zu Gute kommen zu lassen. So entstand unter dem Namen „roots of compassion“ unser Kollektiv. Nach Marcs Rückkehr nach Deutschland hat er mit neuen Mitstreiter*innen das Projekt weitergeführt und 2003 ging der Shop online.

Roots of Compassion - Team

Stand der Kollektivgedanke von Anfang an im Fokus?

Von vorne herein stand der Entschluss fest, das Projekt im Kollektiv zu betreiben, es sollten also möglichst keine Hierarchien entstehen. Die Umstände der Entscheidungsfindungen und die Folgen unserer Beschlüsse haben sich natürlich sehr stark verändert, denn am Anfang waren es nur eine handvoll Menschen, die sich um roots of compassion gekümmert haben, während es im Moment neun Kollektivmitglieder gibt. Trotz dieser weitreichenden Veränderungen halten wir natürlich am Kollektivgedanken fest.

Was bedeutet letztendlich die Arbeit als Kollektiv? Ich denke viele Menschen wissen damit gar nichts anzufangen. Kennt man doch zumeist nur die gängigen hierarchisch geprägten Organisationsformen und Strukturen.

Grundsätzlich ist es wichtig zu wissen, dass alle wichtigen Entscheidungen bei roots of compassion im Konsens getroffen werden. Das heißt natürlich nicht, dass wir alle immer derselben Meinung sind (oder sein müssen, damit eine Entscheidung gefällt werden kann), sondern, dass keine Beschlüsse gefasst werden, wenn eine Person explizit dagegen ist. Ein weiterer wichtiger Unterschied zu „üblichen“ Unternehmensstrukturen ist, dass alle Mitglieder von Anfang an die volle Entscheidungsgewalt bekommen und vom ersten Tag an gleichberechtigt sind. Dies spiegelt sich natürlich auch in unserem Lohn wider, denn bei roots of compassion verdienen alle 7,50€ pro Stunde, unabhängig ihrer Tätigkeit. Ein solches Miteinander funktioniert auch deswegen, weil wir viele Idealvorstellungen teilen.

Wenn jemand Interesse bekundet bei Euch mitzumachen, wie geht Ihr damit um? Schreibt Ihr Stellen, insoweit erforderlich, aus? Oder geht Ihr konkret auf andere Menschen zu? Was muss man mitbringen?

Ich glaube die Art und Weise unserer Suche nach neuen Kollektivmitgliedern unterscheidet sich gar nicht so stark von anderen Unternehmen. Wir schreiben die Stellen ganz regulär aus und sichten anschließend die eingegangenen Bewerbungen. Die vielversprechendsten Bewerber*innen werden dann schließlich nach Münster für ein Gespräch eingeladen. Dabei versuchen wir zu vermeiden, dass zu sehr die unangenehme und stark hierarchisierte Atmosphäre eines regulären Bewerbungsgesprächs entsteht. Ein weiterer wichtiger Unterschied ist, dass es bei unserer Entscheidung nur sekundär um Leistungen, Noten oder Abschlüsse geht, sondern vielmehr das menschliche Miteinander, die Ideale und Sympathien im Vordergrund stehen. Wie ich bereits in der vorherigen Frage erwähnte, funktioniert das Prinzip „Kollektivbetrieb“ nur, wenn alle Beteiligten am gleichen Strang ziehen.

Roots of Compassion - Lager2

Gerade die Auswahl an veganen Produkten ist in den letzten Jahren stark angewachsen. Insbesondere Euer Lebensmittelsortiment ist hingegen, im Vergleich zu anderen Onlineshops, recht überschaubar geblieben. Welche Kriterien müssen Produkte erfüllen, damit Ihr Sie in Euer Sortiment aufnehmt?

Das ist wirklich eine sehr spannende Frage, denn ich habe das Gefühl, dass im Zuge des Vegan-Hypes von der ursprünglichen emanzipatorischen veganen Idee lediglich übrig geblieben ist, dass es ausreicht, wenn in einem Produkt keine Tierprodukte enthalten sind. Wir verfolgen ein anderes Konzept von Veganismus und versuchen auch sensibel zu sein für andere Aspekte in der Herstellung von Lebensmitteln. Dazu gehört für uns die ökologische Anbau- und Verarbeitungsweise, Transportweg, Verpackung, Entlohnung der daran beteiligten Arbeiter*innen usw. Um es konkret zu machen: Wir bieten seit längerer Zeit keine Produkte mehr an, die Palmöl enthalten, ebenfalls haben wir alle Schokoladensorten aus dem Sortiment genommen, bei denen uns die Anbieter*innen nicht glaubhaft versichern konnten, dass der darin enthaltene Kakao „fairen“ Ursprungs sei, des Weiteren verschicken wir keine Kühlprodukte usw.

Veganismus und Tierrechte sind zwei Eurer zentralen Themen. Zwei Themen die hierzulande immer noch ein, wenn auch wachsendes, Nischenthema darstellen. Während man andernorts (z.B. in den USA) eine vegane Ernährung bereits positiv gegenübersteht, ist hierzulande eine rein pflanzliche Ernährung in vielen Teilen der Gesellschaft – auch von offizieller Seite – immer noch ein „Tabuthema“. Lobbyismus? Gewohnheiten? Woran liegt das Eurer Meinung nach?

Wie sehr Veganismus den Weg in die Mitte der Gesellschaft gefunden hat, hat sicherlich viel mit persönlicher Wahrnehmung zu tun. Ich denke medial und in bestimmten Kreisen ist „vegan“ bereits angekommen. Dies gilt vor allem für jüngere Menschen. Dennoch wird das Thema vielerorts belächelt oder sogar bekämpft, gerade in der Politik ist es noch lange nicht angekommen. Sehr bezeichnend finde ich da das Beispiel des „Veggiedays“, der den Grünen bei der letzten Bundestagswahl einige Stimmen gekostet hat. Lobenswert sollte allerdings das Bemühen der Linkspartei diesbezüglich erwähnt werden, die vor kurzem zu einer Konferenz mit der Titel „Tiere sind keine Ware“ eingeladen hatte und bei der zwei Drittel der Anwesenden aus dem Tierrechts- bzw. Tierbefreiungsspektrum kamen. Ich denke es ist eine Wissenschaft für sich, die Faktoren zu bestimmen, die eine erfolgreiche Verbreitung der veganen Idee bedingen. Jedoch sollte auch bedacht werden, dass die meisten Veganer*innen in Deutschland (meinem Eindruck nach) keinen emanzipatorischen Anspruch verfolgen und sich damit die Frage stellt, ob diese Entwicklung überhaupt begrüßenswert ist.

Scheinbar ändern sich die Zeiten, zumindest langsam, aber doch merklich. Nehmt Ihr das in dieser Form auch war? Zum Beispiel durch steigende Nachfrage, Umsatz, Bestellungen usw.

Für einen kleinen idealistischen Betrieb wie uns hat diese Entwicklung sicherlich nicht nur Vorteile. Gerade auf dem Büchermarkt erleben wir gerade einen Boom, der für uns ziemlich bedenklich ist, obwohl wir einige Jahre auf diesem Feld Pionierarbeit geleistet und das erste bebilderte vegane Kochbuch in Deutschland herausgebracht haben. Da gibt es zum Beispiel Hochglanzbücher mit zugegeben tollen Fotos, ein Blick in das Impressum verrät allerdings, dass der Fotograf auch Fotos für die „Beef!“ macht. Dies wird offen kommuniziert und sogar als Referenz angegeben! Ich finde solche Beispiele verdeutlichen, dass mittlerweile die Big Player des Buchmarktes das Thema für sich entdeckt haben und ohne jeglichen ideologischen Hintergrund, dafür aber mit umso größerem Marketingbudget, Bücher auf den Markt schmeißen. Das macht es für uns natürlich deutlich schwieriger, Aufmerksamkeit für unsere Bücher zu gewinnen. Bei dem Onlineshop sieht es ähnlich aus, aber da bewerte ich die Entwicklung etwas positiver. Die (Einkaufs-)Infrastruktur für Veganer*innen hat in den letzten Jahren einen großen Sprung nach vorne gemacht, gerade in Städten ist die Versorgung mit veganen Basics absolut gewährleistet, sodass Onlineshops deutlich an Attraktivität verlieren. Was allerdings auch nicht schlimm ist, denn es ist besser, wenn die Menschen sich ihre Sachen direkt vor Ort besorgen können und die Waren nicht erst durch ganz Deutschland verschickt werden. Zum Glück haben wir neben dem Lebensmittelbereich auch selbstproduzierte Textilien und Accessoires, die wir an andere Onlineshops und Veganläden (auch international) vertreiben.

Roots of Compassion - Lager1

Ist das Eurer Meinung nach eher der Trend, die ersten Anzeichen von Veränderung? Oder ist Veganismus in Deutschland nur ein Hype? Ausgelöst oder gar ausgenutzt durch gute Marketingstrategien diverser Unternehmen und Autoren.

Wie gesagt, das ist wirklich eine gute Frage, auf die noch niemand so wirklich eine Antwort hat bzw. haben kann. Grundsätzlich bin ich skeptisch, dass gegenwärtig fundamentale Veränderungen stattfinden, die mehr als den oberflächlichen Lebensstil der Menschen betreffen. Dies sehen wir zum einen daran, dass in Deutschland so viel Fleisch „produziert“ wird wie noch nie und der Export von Tierprodukten einen enormen Aufschwung erfährt. Und zum anderen an der Tatsache, dass der Fleischkonsum im Durchschnitt nur marginal zurückgeht. Trotzdem sind Tierrechtsthemen tatsächlich breiter im Fokus der Öffentlichkeit vertreten und es ist spürbar eine größere Sensibilisierung vorhanden. Deswegen wird, wie so oft, die richtige Antwort in der Mitte liegen. Ich glaube allerdings, dass die Ausbeutung von nicht-menschlichen bzw. menschlichen Tieren nur mit der Überwindung der kapitalistischen Systems abgeschafft werden kann. Denn solche Grausamkeiten wie riesige Schlachthoffabriken, das millionenfache Sexing von Küken usw. sind keine „Fehler“ des Systems, sondern folgen ganz klar der kapitalistischen Verwertungslogik.

Vielen lieben Dank für das Interview.

Weitere Infos zu roots of compassion und compassion media findet Ihr unter www.rootsofcompassion.org sowie unter www.compassionmedia.org.