reinhören: rolo tomassi – grievances

Rolo Tomassi - Grievances (Cover)Das Erleben von Träumen und Albträumen zugleich. Das Fühlen von Schönheit inmitten destruktiver Grausamkeit. Die Struktur im Chaos. Das Chaos in der Struktur. Nichts ist wie es scheint, nichts ist wie es sein sollte. Gegensätze verschmelzen. Verschmelzen, während sie sich gegenseitig abstoßen, sich gegenseitig zerstören und doch immer wieder zu einander finden. Zu einander finden, um dann ein kleines Meisterwerk zu erschaffen.

Genau das ist Grievances. Das neue Album von Rolo Tomassi.

“We can´t be loved as we are“ (aus All That Has Gone Before)


Auf den ersten Blick steckt in diesem Satz sicherlich ein Fünkchen Wahrheit. Schließlich prügelt gleich der Opener Estranged mit einer knapp achtzig Sekunden andauernden Mathcore-Attacke erst einmal Bekanntes und Vertrautes aus unserem Gedächtnis. Dann ganz plötzlich, kurz vor dem nervlichen Aufschrei, zieht sich der Song zurück und zeigt erstmals die andere, nein eine andere Seite von Rolo Tomassi. Ruhige Synthieklänge wähnen uns in Sicherheit. Doch tatsächlich ist das nur Täuschung. Die leise Vorbereitung für den nächsten Rundumschlag. Diesen überstanden finden wir uns in einem großartigen Raumdeuter wieder. Ein Song, dank Eva Spence Gesang und wunderschönen Melodien so zuckersüß und doch, weil durch Black Metal Sphären treibend, so düster und erdrückend.

The Embers startet hingegen wieder ungemein fies. Findet dann aber über Post-Hardcore zu sanften Popelementen und kann so zumindest für einen Augenblick das drohende Schlagzeuginferno zügeln. Wirklich Ruhe schenkt jedoch erst das instrumentale Prelude III (Phantoms), eine wundervolle Einleitung für das folgende Opalescent. Ein Song, der eindrucksvoll zeigt wie spannend, wie fesselnd ein Popsong sein kann. Traumhaft. Unseen und Unknown leitet anschließend vier wahrlich große Minuten ein. Mehr Abwechslung, mehr Wendungen, mehr Emotionen, mehr Schmerz, mehr Intensität als Stage Knives beinhaltet? Nur schwer vorstellbar.

Crystal Cascades hingegen sucht das Epische, zieht den Spannungsbogen immer stärker. Doch kurz vor der vermeintlichen Explosion lassen Rolo Tomassi wieder los und überlassen zarten Klavierklängen und einem traurig-instrumentalen Chandelier Shiver Raum und Zeit. Diese lösen sich dann in Funeral schier in Luft aus. Ein Stück, welches das faszinierende Gesangsspiel der Geschwister Spence in neue Höhen treibt. Erst finster und gemein, dann anmutig, ja engelsgleich.

Alle bisherigen zehn Songs, alle bisherigen musikalischen Genres bringt All That Has Gone Before in über sieben Minuten noch einmal in geballter Form auf den Punkt. Was für ein finaler Akt. Genau darum höre ich Musik. „We can’t be loved as we are“ heißt es hier. Im Gegenteil. Für diesen Song, für dieses Album muss man Rolo Tomassi lieben.

Rolo Tomassi – Grievances

VÖ: 05. Juni 2015
Label: Holy Roar Records

Tracklist:
01. Estranged
02. Raumdeuter
03. The Embers
04. Prelude III (Phantoms)
05. Opalescent
06. Unseen And Unknown
07. Stage Knives
08. Crystal Cascades
09. Chandelier Shiver
10. Funereal
11. All That Has Gone Before

Rolo Tomassi: Eva Spence (Gesang), James Spence (Gesang, Keyboard), Chris Cayford (E-Gitarre), Nathan Fairweather (Bass), Tom Pitts (Schlagzeug)

Hinweis: Das Bildmaterial und eine Promoversion des Albums wurden mir freundlicherweise von Backstage Broadcast zur Verfügung gestellt.