Konzertbericht: Boysetsfire, Radkey, NTHN GRY live in Köln (inkl. Fotos)

Zu Boysetsfire verbindet mich eine recht sonderbare Beziehung. Noch einem großartigen After The Eulogy habe ich den weiteren Outputs der Jungs nur kurze Aufmerksamkeit geschenkt, da ich diese bis heute allesamt recht langweilig finde. Erst While A Nation Sleeps sollte das wieder ändern. Mit den Live-Auftritten verhält sich das ähnlich. In kleinen Clubs sind Boysetsfire eine Macht. So ist zum Beispiel die Show im Kölner Underground mit Tribute To Nothing im Jahr 2006 bis heute unvergesslich geblieben. Auf großen Bühnen und insbesondere auf Festivals habe ich hingegen immer schon frühzeitig das Weite gesucht. Ohne die Nähe zur Band springt bei mir der Funke nicht rüber.

Aus diesem Grund habe ich auch das Family-First-Festival im Kölner Palladium am 22. August gar nicht erst in meinem Kalender eingetragen. Dafür habe ich mich umso mehr darüber gefreut, dass nur einen Tag vorher das Pre-Fest im Gebäude 9 vor nur einem Zehntel der Zuschauer stattfinden sollte. Neben Boysetsfire sollten an diesem Abend noch NTHN GRY und Radkey spielen. Ohne lange zu überlegen, stand dann doch wieder eine Boysetsfire-Show in meinem Kalender.

Boysetsfire, Radkey, NTHN GRY
Köln, Gebäude 9 – 20.08.2015

Nathan Gray (NTHN GRY) eröffnete den Abend und sorgte gleich für die erste positive Überraschung. Dies gelang ihm bereits mit seiner kürzlich veröffentlichen Solo-EP, die zum Glück nichts mit dem üblichen „Sänger*In einer Band versucht sich mit Gitarre als Singer-/Songwriter“ gemein hat (Anmerkung: dieses Genre wurde in letzter Zeit doch etwas überstrapaziert). Kaum auf der Bühne zündet Nathan begleitet von düsteren Klängen eine Reihe von Kerzen auf einem schwarzen „Altar“ an, stellt sich hinter seine schwarze Kanzel, bereit, um uns in seine düsteren Welten mitzunehmen. Mit einer Mischung aus Industrial und Ambiente sowie seiner charismatischen Stimme, begleitet von einem druckvollen Schlagzeugspiel und verzerrten Gitarrenklängen, gelingt ihm dies bereits mit dem ersten Song. Die Texte bewegen sich auf ebenso dunklem Terrain wie bei seinem Nebenprojekt I Am Heresy. Sowohl mit seiner Stimme als auch seiner Mimik und Gestik lässt Nathan seine Texte lebendig werden, was zu einer insgesamt bedrohlichen Atmosphäre führt. Spätestens als er am Ende des Sets die Kerzen auf seinem Altar mit einem Tierschädel zertrümmert, wird klar, wie große die Abneigung gegen Glaubensrichtungen aller Art sein muss, die in Herrn Gray schlummern. Sicherlich keine leichte Kost und irgendwie sehr speziell. Lässt man sich darauf jedoch ein, unglaublich spannend und mitreißend. An diesem Abend traf gleich alles zu.

Nathan Gray - Family First Pre Fest - Köln, Gebäude 9 (pic2)

Natahn Gray, © Angry Norman

Nathan Gray - Family First Pre Fest - Köln, Gebäude 9 (pic1)

Nathan Gray, © Angry Norman

Im Anschluss folgte sogleich die zweite positive Überraschung. Radkey. In die neue Scheibe hatte ich vor dem heutigen Abend zwar schon kurz rein gehört und war angenehm überrascht. Doch was die drei Jungs (!) hier abliefern ist, um es mit einem Wort zu beschreiben, großartig. Frischer, lebendiger Hardcore-Punk der Anfangstage trifft auf fetten Garagerock mit genauso großer Showattitüde. Aber das passt, das knallt, hier stimmt tatsächlich alles. Jeder Song ist ein Volltreffer. Nur selten haut mich eine Band gleich bei der ersten Show dermaßen aus den Schuhen. Dabei sind die drei Radke-Brüder aus St. Joseph, Missouri, noch nicht mal zwanzig. Der Abend war noch nicht zu Ende. Doch dieser Auftritt war schon jetzt das Highlight. Der Kauf des Albums, das erst am folgenden Tag offiziell veröffentlicht werden sollte, war unausweichlich. Verdammt, mir fehlen die Worte.

Radkey - Family First Pre Fest - Köln, Gebäude 9 (Bassist)

Radkey, © Angry Norman

Radkey - Family First Pre Fest - Köln, Gebäude 9 (Band)

Radkey, © Angry Norman

Auch alte Hasen haben hin und wieder Probleme. Genau das bewiesen Boysetsfire und Crew während der folgenden Umbaupause. Ein Soundcheck voller Pannen, die auch den folgenden Auftritt der fünf Jungs aus Newark immer wieder aufsuchten. Doch bereits mit den ersten Akkorden von Rise war die lange Umbaupause vergessen, die Stimmung explodierte schlagartig und, tatsächlich, der Funke springt sofort rüber. Es hat sich nichts geändert, hier in diesem eher kleinem Club, entfalten die Songs genau die Power und Dynamik, die ich auf den großen Bühnen sonst vergeblich suche. Ein buntes Set quer durch alle Alben liefert ausschließlich Hits wie Rookie, Empire oder auch Closer, die vom gewohnt textsicheren Publikum allesamt mit geschrien wurden. Zudem geben sich Boysetsfire gewohnt sympathisch und sorgten auch zwischen den Songs für das eine oder andere Lächeln. So auch die vielen kleinen technischen Pannen, mit denen vor allem Nathan Gray zu kämpfen hatte. Diese kommentiert er mal mit einem Lachen, mal mit einem Wutausbruch. Und auch wenn sein Gesichtsausdruck hin und wieder etwas anderes sagt, wies er darauf hin, dass man hier sei, um mit dem Publikum zu feiern. Professionelle Ansprüche seinen daher fehl am Platz. Gut so. Insgesamt ein bewegender Auftritt, den ich so schon gar nicht mehr erwartet hatte. Den Livestream vom Family-First Festival am folgenden Abend habe ich übrigens nach dem ersten Song beendet. Ich wollte mir die Erinnerung vom Vorabend nicht nehmen lassen…

Boysetsfire - Family First Pre Fest - Köln, Gebäude 9 (pic2)

Boysetsfire, © Angry Norman

Boysetsfire - Family First Pre Fest - Köln, Gebäude 9 (pic1)

Boysetsfire, © Angry Norman

Rückblickend ein großer Abend von der ersten bis zur letzten Sekunde. Danke hierfür.

Hinweis: Das Bildmaterial (©AngryNorman) wurde mir freundlicherweise von Norman von REPORTINK  zur Verfügung gestellt. Viele weitere tolle Fotos findet Ihr unter www.angrynorman.com.