reinhören: jungbluth – lovecult

Jungbluth - Lovecult (Cover)So abgedroschen es klingen mag. Mit ihrem neuen Album zeigen Jungbluth einmal mehr was Hardcore / Punk ausmacht. Und das ist eben mehr als nur Musik. Das liegt nicht nur an der ausdrücklichen Distanzierung von Faschismus, Rassismus Sexismus und jeder Form von Diskriminierung. Sondern auch an der DIY-Einstellung der drei Jungs aus Münster. So ziert das Cover von Lovecult kein Labellogo oder dergleichen (das Vorgängeralbum Part Ache wurde auf Vendetta veröffentlicht). Nein, das Ding wurde in kompletter Eigenregie veröffentlicht und ist daher auch als das Gesamtwerk einer Band zu betrachten. Gerade in der heutigen Zeit, in der viele Bands mehr Wert auf Merch und Promoagenturen als auf gute Songs legen, sicherlich eine Seltenheit. Umso authentischer wirkt es dann aber auch. 100% Hardcore / Punk eben.

Allerdings auch erst einmal anderes als erwartet, denn das Chaos ist eine Spur zugänglicher geworden. Crust und D-Beat klingen nur noch selten durch eine dichte Wand aus Hardcore und (nun verstärkt auch aus) Noiserock. Die Stimmung ist weiterhin düster. Melodische Parts und weitaus mehr Groove als noch zuletzt sorgen für einige strahlende Momente (wie in Charades), die vorher weniger Raum hatten. Allerdings hindert das die Songs nicht daran einer wütenden Abrissbirne zu gleichen. Denn es bleibt auch laut, ungemein laut, verzerrt, bissig, dreckig und wild. Hier wird alles zertrümmert, was gerade im Weg steht. Der Opener heißt nicht umsonst Everytime Geradeaus. Das klingt einfach. Ist es aber definitiv nicht. Dafür sind die Songs viel zu komplex, zu vielschichtig. Und ja, sie zerren auch schon mal an den Nerven. Genau richtig, schließlich mag ich Musik nicht nur hören, sondern auch erleben. Wieder so eine Seltenheit, denn Lovecult schafft genau das.

Letztendlich wissen Jungbluth auch aufgrund ihrer intelligenten Texte zu überzeugen. Nach plakativen und eingängigen Worten suche ich hier vergeblich. Nein, die Wortwahl ist eher eine Einladung sich mit den Lyrics auseinandersetzen. Und die drehen sich in erster Linie, der Albumtitel macht es deutlich, um das gegenwärtige Verständnis von Liebe und der alles bestimmenden Suche nach dem/der perfekte*n Partner*in. Die tagtägliche Flut von Partnerbörsen aller Art in nahezu allen Medien zeigt das in aller Deutlichkeit. Aber auch den finanziellen Aspekt, der hinter diesem Angebot steckt. Anders ausgedrückt: Die Liebe als funktionierendes Geschäftsmodell, analysiert durch unbekannte Algorithmen, die nicht irren können. Fraglich ist nur, wie viel Liebe schließlich übrig bleibt. Die Schattenseiten – unter anderem die damit einhergehende soziale Minderwertigkeit von Singles und Menschen mit anderen Lebensentwürfen – werden bewusst in Kauf genommen. Ein Aspekt, der gerne ausgeblendet wird. Und für den Jungbluth hier deutliche und korrekte Worte finden.

Hier stimmt einfach alles. Das Bassspiel, die Drums, die Gitarren, das rotzige Geschrei, die Texte und dieser wahnsinnige Sound. All diese kleinen Highlights setzen sich zu einer verflucht großartigen Scheibe zusammen. Sicherlich klingt das nicht wie Part Ache. Auch gut so, denn das habe ich schließlich schon. Daneben nun auch Lovecult. Tausend Dank hierfür.

Jungbluth – Lovecult

VÖ: 01.September 2015
Label: keins, weil DIY

Tracklist:
01. Everytime Geradeaus
02. King of the Hill
03. Schrödinger’s Katze
04. Charades
05. Untitled
06. Sternstunden der Doppelmoral
07. Dead Keys
08. Lokalkolorit
09. Overdose Us
10. Empathy Is Not A Competition

Hinweis: Das Cover stammt aus dem Albumdownload der Jungbluth Bandcampseite. Die Vinylversion ist unterwegs.