Interview: The Tidal Sleep

Spätestens seit ihrem letzten Album Vorstellungskraft gehören The Tidal Sleep für mich zu den wenigen Bands, die Musik und Emotionen auf wunderbare Weise miteinander verknüpfen können. Einige großartige Konzerte haben dies seitdem eindrucksvoll untermauert. Kurz nach dem Fiducia Fest im AZ Mülheim im April dieses Jahres hatte ich im Rahmen eines Online-Interviews die Gelegenheit den Jungs einige Fragen zu stellen. Dabei ging es insbesondere um die DIY-Mentalität der Band sowie um das meiner Meinung nach spannende „Storytelling“ von Sänger Nicolas.

The Tidal Sleep by Matthias Haslauer

The Tidal Sleep by Matthias Haslauer


Ich habe Euch vor Kurzem im AZ Mülheim im Rahmen des Fiducia Fest live gesehen. Dabei ist mir aufgefallen (wie auch bei manch anderen Konzerten), dass Ihr Euch vor dem Gig mit Euren Fäusten abgeschlagen habt. Solch ein „Ritual“ sieht man auf der Bühne eher selten. Hat das für euch eine spezielle Bedeutung?

Das hat sich einfach irgendwann so eingeschlichen. Ist vielleicht so eine Art Erinnerung daran, dass wir das jetzt zusammen machen, weil wir darauf Bock haben und der Spaß an der Sache das Wichtigste ist. Wir haben alle neben der Band Berufe, so dass das gemeinsame Reisen so nahe wie möglich an Ferien herankommen sollte.

Eure Debüt-LP war recht schnell ausverkauft und hat fast ausnahmslos gute Kritiken bekommen. Ihr habt viele gut besuchte Konzerte gespielt, habt ein Album auf Charming Man Records veröffentlicht. Eure Split EP mit Orbit The Earth steht nun in den Plattenregalen. Das klingt nach einer schönen Geschichte. Oder einfach nur harte Arbeit und je Menge Leidenschaft?

Im Prinzip ist es eine schöne Geschichte, die durch harte Arbeit mit jeder Menge Leidenschaft von allen Beteiligten, auch außerhalb der Band, erst möglich wurde. Matze und Marc sind ja erst seit 2013 dabei und auf der ersten gemeinsamen Tour merkten alle, dass die Chemie innerhalb der Band einfach funktioniert. Der Wunsch nach neuen Songs mit dem neuen Lineup war sofort da und dann ging alles relativ schnell. Bei der Split mit ORBIT THE EARTH war das auch so. Es ist natürlich sehr schön zu merken, wenn diese positive Energie auch andere Leute mitreißt.

Im AZ Mülheim gab es auch eine Diskussionsveranstaltung zum Thema DIY, Geld und Musik. Mit Blick auf Labels, Bookingagenturen etc., wie steht ihr zum Thema DIY? Kümmert Ihr Euch selbst um Merch, Coverartwork, Konzerte und Touren? Oder seid Ihr vielmehr froh, wenn Ihr Euch um diese Dinge nicht kümmern müsst?

Wir sind auch durch unsere früheren Bands im DIY verwurzelt. Von daher kümmern wir uns gern um so viele Dinge wie möglich selbst, da wir das gar nicht anders kennen. Die Aufgaben sind relativ gut auf alle verteilt. Die meisten Shows und Touren, die wir spielen, buchen wir selbst und man kann uns immer direkt kontaktieren. Wir haben aber auch die Möglichkeit, über unseren Freund Nanouk „professioneller“ zu touren. Er hat schon sehr viel für uns getan, und wir hatten dabei immer komplette Freiheit und Entscheidungshoheit behalten. Alles hat natürlich seine Vor- und Nachteile, aber im DIY hat man einfach wesentlich mehr Kontakt mit den anderen Bands und den Leuten, die das Konzert organisieren. Außerdem ist es oft wesentlich herzlicher und man hat bei allem immer selbst die Kontrolle darüber, was passiert, und muss das nicht an irgendwelche Dritte abtreten. Man lernt unheimlich viel fürs Leben, wenn man bewusst Dinge selbst in die Hand nimmt und weiß, wie Sachen funktionieren und vor allem, was realistisch und was Wunschtraum ist. Es fällt uns immer öfter auf, dass Bands mit Punk/Hardcore-Backround heutzutage  gar nicht mitkriegen, was um sie herum passiert, und ihre eigene Situation und Möglichkeiten völlig falsch einschätzen, weil ihnen alles durch „Producer“, „Booker“, „Tourmanager“, „Label“, „Stagehands“, „Verträge“ und „Promoter“ abgenommen wird. Das ist eine Entwicklung, die sehr bedauerlich ist.

Wie sieht es da mit Eurem aktuellen Label This Charming Man Records aus? Habt Ihr, was die Veröffentlichung Eurer Platten angeht, freie Hand oder gibt es gewisse Spielregeln, die man Euch als Band vorgibt?

Wir haben das Glück, dass Chris Vieles von dem, was wir vorhaben, auch gut findet und andersherum. Wir können uns echt nicht beschweren.

Wir leben in einem fast idyllischen Deutschland – zumindest global gesehen – und zugleich in schlimmen Zeiten. Eure Texte, zumindest interpretiere ich das so, befassen sich eher wenig mit dem aktuellen Weltgeschehen. Vielmehr haben diese einen sehr persönlichen Touch. Verzichtet Ihr bewusst auf direkte Statements zum Chaos da draußen? Oder drückt Ihr das vielmehr durch Eure persönlichen Erfahrungen aus?

„Idyllisch“ ist sicher was anderes, wenn man die Zeitung aufschlägt oder den Fernseher anmacht, gibt es genug Dinge, die einem die Galle hochkommen lassen – aber es ist klar, wie das gemeint ist. In unseren Texten geht es viel um Persönliches über Ängste und Versagen, was natürlich auch durch das „Chaos da draußen“ verursacht wird. Unsere Texte sind nicht immer explizit politisch jedoch verstehen wir uns als politische Band. Dazu gehört auch, dass wir uns klar zu bestimmten Themen positionieren und auch äußern. Das muss nicht immer auf der Text-Ebene passieren.

Zudem bedient Ihr Euch in Euren Texten einer sehr bildlichen Sprache. Das gilt natürlich auch für den Titel Eures aktuellen Albums. Für mich als Hörer braucht es tatsächlich jede Menge „Vorstellungskraft“, um die Texte zu interpretieren. Andererseits macht das die Sache auch interessanter und spannender. Was fasziniert Euch an dieser Art der Sprache?

Ich finde, diese Art des Textens eröffnet dem Hörer/Leser einen anderen Zugang zum Kontext. Ich bin kein guter Storyteller, also nutze ich gerne sperrige Metaphern, was sicher auch als kitschiger Pathos hingestellt wird, was aber auch den interessanten Nebeneffekt hat, dass man sich, ob der Sperrigkeit einiger Zeilen, einfacher mit den Lyrics identifizieren kann. Es geht ja nicht darum, immer alles preiszugeben, alles dem Konsumenten vorzukauen. Der Hörer möchte ja auch gerne mal gefordert werden und kann sich auf diesem Wege selbst in den Texten wiederfinden und sich seine eigene Welt um den Song bauen.

Gerade eben kam die Split EP mit Orbit The Earth auf This Charming Man Records raus. Zudem seid ihr wieder ein paar Wochen auf Tour. Was bringt 2015 noch?

Wir spielen noch das ein oder andere Festival und haben noch die ein oder andere Idee für den Spätherbst. Da ist aber noch nichts spruchreif.

Vielen Dank für das Interview.

Wir bedanken uns 🙂

 

Hinweis: Das Bildmaterial wurde mir freundlicherweise von Backstage Broadcast zur Verfügung gestellt.