2015 – Jahresrückblick / end-of-the-year review

2015. Ein Jahresrückblick. War das ein gutes Jahr? Dieses 2015. Lasse ich das Weltgeschehen der letzten zwölf Monate noch einmal an mir vorbeiziehen, kommt mir vieles in den Sinn, nur nicht das Wort gut. Gleich zwei verheerende Terroranschläge in Paris, erst Anfang des Jahres auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo, dann im November an gleich mehreren Stellen. Darunter ein friedliches Konzert der Eagles Of Death Metal. In Kenia, in der Türkei während einer Friedensdemo, in den USA sowie an vielen anderen Orten fielen Menschen dem Terror zum Opfer. Opfer von Fanatismus, Hasspredigern und falschen Ideologien. Ganz abgesehen von all den Kriegen und Konflikten, die weltweit und teilweise schon Jahre lang toben. Doch die sind alle ganz weit weg. Berühren nur durch Fernsehbilder und sind schnell wieder vergessen. Leben wir doch im idyllischen Deutschland. Zumindest in globalen Kontext. Oder auch nicht.
Zieht doch Deutschland wieder in den Krieg. Stimmt auch nicht. Geliefert werden nur Koordinaten für den nächsten Raketenschlag. Kritische Stimme gibt es viele. Antworten liefert keine. Antworten auf die Frage wie Menschen, die andere bei lebendigen Leibe verbrennen, enthaupten, foltern, wie Sklaven halten und ganze Dörfer zerstören, gestoppt werden können oder welche Sprache Fanatiker*Innen verstehen. Verhandeln? Abwarten und Tee trinken, während das barbarische Morden weitergeht? Das sind die Schattenseiten all der Friedensverhandlungen. So wichtig sie auch sind. Aber was ist nun die bessere Lösung? Ja, Krieg ist schlimm. Gerecht wird auch dieser nicht sein. Aber zumindest wird versucht, jetzt, dem Terror und dem Morden Einhalt zu gebieten. Verhandeln und versuchen die richtigen Worte zu finden? Auf lange Sicht womöglich sinnvoll. Kostet aber Zeit. Zeit, in der das Morden weitergeht. In beiden Fällen ist der Erfolg nicht garantiert. Die Entscheidung daher schwer. Mein Bauchgefühl sagt mir jedoch, dass der Kampf gegen diesen Terror nicht mit Worten gewonnen werden kann.

Platten 2016

Jungbluth – Lovecult
Napalm Death – Apex Predator/Easy Meat
Spirits – Discontent
Svalbard – One Day All This Will End
Rolo Tomassi – Grievances
Pears – Go To Prison
Yuppicide – Revenge Regret Repeat
Birds In Row – Personal War

Und dann natürlich das große Thema in diesem Jahr. Die Flüchtlingskrise. Eine Krise, die zeigt wie einig sich Europa ist. Was das Wort Union bedeutet. Wenn nicht gerade über die Eurokrise geredet wird, nicht viel. Aber gut, da geht es auch um den Euro. Um Geld. Nicht um Menschen. Aber Prioritäten müssen nun mal gesetzt werden. Ziemlich krank, ja unmenschlich ist alles was mir dazu einfällt. Erstaunlich, dass hierzulande wie sonst nirgendwo in Europa ein derartige Willkommenskultur gelebt wird. Zehntausende helfen täglich. Freiwillig. Geld spielt keine Rolle. Hunderttausende spenden und unterstützen. Freiwillig. Geht doch, bin ich geneigt zu sagen. Tut es auch. Auch wenn noch vieles eher schlecht als recht läuft, wichtig ist, sie ist da, die Menschlichkeit. Zugleich auch Wut. Während Menschen um ihr Leben kämpfen und andere helfen, marschieren vielerorts wieder braune Horden. Brennen Flüchtlingsheime, werden Menschen verletzt, während nur ein Bruchteil der Taten aufgeklärt wird1. Hatte nicht Angela Merkel versprochen „wir werden mit der ganzen Härte des Rechtsstaats … gegen Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte oder Flüchtlinge selbst … vorgehen.“ So viel zum deutschen Rechtsstaat. All das nutzen rechte Demagogen aus AfD, CSU – genau, das C steht für christlich –, Pegida, Le Pen, Trump und Co auch noch aus, um, ja um was eigentlich? Um auf Stimmenfang zu gehen – die nächsten Wahlen stehen schließlich an – und um ihre rassistische Hetze zu verbreiten. Hetze, die ankommt. Plötzlich wird wieder gejubelt, wenn jemand dazu aufruft über die Volksgemeinschaft nachzudenken. Schon gemerkt, dass dieser Begriff im Nationalsozialismus eine ziemlich große Nummer war. Hallo, deutscher Rechtsstaat, mir wird gerade ziemlich übel. Gut, dass weitaus mehr Menschen auf die Straßen gehen, die Macht der Worte in allen Medien nutzen, um dagegen zu halten und zu protestieren. Und vor allem Menschlichkeit zeigen. Was, wenn nicht Menschlichkeit und Mitgefühl, braucht diese Welt heute?

Da fällt mir eine Geschichte ein, die sich kürzlich hier in Duisburg-Walsum ereignet hat. Ich war gerade auf dem Weg zum Ausgang der ortsansässigen Sparkassenfiliale. Dort sah ich eine ältere Frau mit Rollator, die versuchte die schwere Eingangstür zu öffnen. Ich ging hin, öffnete die Tür und hielt sie auf. Voller Erleichterung dankte sie mir. „Oh, das ist aber nett. Das erlebe ich ja nur noch selten. Vielen lieben Dank“. Nach einem „Gerne.“ ging ich verwundert ob dieser Worte meiner Wege. Weniger Tage beobachtete ich wie zwei Jugendliche durch die gleiche Türe gingen, sich umdrehten, grinsten und die Türe zufallen ließen. Hinter ihnen eine junge Frau, die nun sichtlich Mühe hatte mit ihrem Kinderwagen durch die Türe zu kommen. Das gleiche Spiel folgte. Ich ging hin und hielt ihr die Tür auf. Sie dankte mir mit einem netten Lächeln. Ich nickte mit einem solchen zurück. Wieder ging ich meiner Wege. Nun ohne Verwunderung. Vielmehr traurig. Wie ist es um dieses Land bestellt, wenn solch kleine Gesten wie das Aufhalten einer Tür nicht mehr alltäglich sind? Doch dann dachte ich an all die Flüchtlingshelfer*Innen und Menschen, die gegen braunes Gedankengut protestieren. Welches der beiden Bilder steht nun repräsentativ für dieses Land? Entschieden habe ich mich noch nicht.

Shows 2016

Napalm Death in Köln
Modern Live Is War und Birds In Row in Köln
Trainwreck in Aachen
Bane in Köln
A Place To Bury Strangers in Köln

Natürlich ist das nur ein Bruchteil, was über diese Themen gesagt werden muss. Und ja, in diesem Jahr ist noch viel mehr passiert. Auch wenn die negativen Schlagzeilen überwiegen, es gab auch so manch Gutes. So das Chaos, in dem die Fifa soeben versinkt. Schadenfreude ist nun mal die schönste Freude. In diesem Fall mehr als gerechtfertigt, so dass ich auf political correctness hier einfach mal pfeife. So, nun habe ich mich auch als Fußballfreund geoutet. Was sich in veganen und manch musikalischen Kreisen offenbar nicht gehört. Auch das habe ich dieses Jahr gelernt. Oder besser, hätte ich lernen sollen. Habe ich nicht. Werde ich auch nicht.

Nicht unerwähnt bleiben sollte die Ermittlungen wegen Landesverrats gegen netzpolitik.org. Auf der einen Seite weiterhin ein Skandal. Aufklärung auf Seiten der Politik bleibt wohl ein Wunschdenken. Auf der anderen Seite hat diese „Affäre“ gezeigt, dass auch die Macht des Bundesamts für Verfassungsschutz Grenzen hat. Gefreut hat sich darüber sicherlich nicht jede*r im besagten Amt. Dafür musste dann wie so oft ein Bauernopfer her. Der Rest wird tot geschwiegen. Ausgesessen. Weiter zur Tagesordnung. Zumindest gab es einen breiten Protest im Netz und der Öffentlichkeit, der gezeigt hat, wie wichtige den Menschen hierzulande freie, unabhängige Medien sind, die aufklären und Missstände – auch staatliche – offenlegen. Wie wichtig Ihnen Rechtsstaatlichkeit, Gedanken- und Informationsfreiheit ist. Weiter so. Denn machen nicht Ungarn und Polen gerade vor, wohin zu viel Macht führen kann?

Serien

House Of Cards
The Walking Dead
Game Of Thrones

Während ich die Zeilen schreibe läuft im Hintergrund übrigens Ace Of Spades. Mit einer dicken Träne im Auge, denn es wird kein „We are Motörhead and we play Rock’n’Roll“ mehr geben. Worte, die ich des Öfteren live erleben konnte. Am 28. Dezember starb Lemmy Kilmister im Alter von 70 Jahren und mit ihm der Rock’n’Roll (!). Seine Songs und Motörhead leben weiter. Auf dem Plattenteller, in unseren Erinnerungen. Und zwar laut, so wie Motörhead eben.

Was bleibt? All die vielen kleinen Dinge. Klein, aber doch ganz groß. Die Zeit mit unserem Sohn, die Zeit mit meiner Frau. Die Zeit mit all den anderen lieben Menschen, die mir jeden Tag begegnen. All die Bands und Künstler*Innen, die ich in diesem Jahr live gesehen habe oder die uns in diesem Jahr ein wundervolles Album geschenkt haben. Menschen, die ich beispielsweise über diesen Blog und im Rahmen von diversen (veganen) Events und Aktivitäten kennen gelernt habe. Letztendlich all das, was das Leben lebenswert macht.

Lesenswert

netzpolitik.org (Blog)
California über alles (Buch)
Der Wolkenatlas (Buch, mal wieder)
xclusivx (Blog und Zine)
Zen Habbits (Blog)
Plant-Powered Kitchen (Blog)

Weiter geht’s… 2016

1) https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Angriffen_auf_Fl%C3%BCchtlinge_und_Fl%C3%BCchtlingsunterk%C3%BCnfte_in_Deutschland