reinhören: fjørt – kontakt

FJORT - Kontakt (Coverart)Mit D’accord haben uns FJØRT 2014 ein Album mit vielen großen Momenten geschenkt. Nun also Kontakt. Und wieder läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Und wieder braucht es Kraft, um die Schönheit dieses Albums zu entdecken.

Wut, Trauer, Frustration und Zweifel kämpfen in jedem der elf Songs, kämpfen letztendlich um das gesamte Album. Diese Emotionen zeigen dann auch, aufmunternd ist Kontakt definitiv nicht. Vielmehr ist dieses Werk beängstigend, denn all das schlägt mit einer solch schonungslosen Wucht auf mich ein, dass mir die Luft weg bleibt. Es mir schwer fällt Stand zu halten. Doch genau das sollte ich. Schließlich lohnt sich jede Sekunde, jeder Augenblick auf diesem Album. Wirkt es doch derart lebendig und intensiv, dass ich all diese Emotionen ungeachtet der Auswirkungen mitzufühlen vermag. „Kontakt bedeutet Nähe, direkte Berührung, Auseinandersetzung ohne Umschweife“, umschreiben FJØRT den Albumtitel. Und liefern genau das. Machen es mir aber alles andere als leicht. Werfen sie mir doch nur Wortfetzen entgegen, deren tieferer Sinn sich mir nicht sofort erschließt, ja teilweise sogar im Dunklen verborgen bleibt. Dabei will ich verstehen. Und tauche daher immer wieder ein in diese bittersüße Welt. Kann nicht loslassen. Will ich auch nicht. Doch von Anfang an…

Es beginnt mit einem schweren Schlagzeugbrett, dem niederschmetternde Gesang von Chris Hell und einem kaum wahrnehmbaren, aber prägnanten Gitarrenspiel im düsteren Opener In Balance. Fast unauffällig baut sich eine erdrückende Stimmung auf, die in ein wütendes Anthrazit übergeht. Eine Wut, die sich in einem peitschenden Schlagzeugspiel entlädt und die selbst in ruhigen, fast nachdenklichen Momenten, in denen die Melodie den Raum erobert, nicht loslassen kann. Bereits nach zwei Songs ist klar, das hier wird kein leichter Gang. Eben noch Gänsehaut, schon geht es „Ich kann nicht, ich muss hier weg“ in Windeseile weiter. Prestige lässt nicht locker, zeigt wie tief diese Wut sitzt, ehe es sich in einem bewegenden Refrain „An dem Tag an dem sie zerbrach, fragte keiner, an was es lag“ auskotzt.

Erst im eingängigem Lichterloh weicht sie, macht Trauer und Enttäuschung Platz. Findet jedoch die Erkenntnis, all den überflüssigen Ballast über Bord zu werfen. Eine Spur von Erleichterung? Keine Spur. Gilt es doch der braunen Pest in diesem Land Paroli zu bieten. Genau hier zeigen Chris, David und Frank Gespür für die Bedeutung der eigenen Worte und verzichten auf musikalische Spielereinen. Der mahnende Appell steht hier im Vordergrund: „Bleibt stehen! Trotzt der braunen Pest! Es gibt einen Weg zu gehen und der führt niemals dran vorbei! Wir sind uns einig, dass ich keinen Meter weichen werde.“ Nicht weniger aktuell und politisch zeigt sich Abgesang. Mit erschreckenden Worten und einer düsteren Hintergrundmusik wird die Welt eines fanatischen Gotteskriegers gezeichnet. „Glaube frisst Mensch“ bringt es auf den Punkt. Das raumgreifende Gitarrenspiel, das diesen Worten folgt, lässt die Bedrohung dieser fanatischen Weltanschauung erschreckend spürbar werden.

Erst gegen Ende, in Belvedere und Mantra, finden FJØRT zumindest etwas Ruhe. Jedoch nur um die eigene innere Verzweiflung zu verarbeiten. „Darf ich vorstellen, wer hier steuert: Kapitän Kapitulation.“ Während Luftschlösser gebaut werden und die eine oder andere bittere Pille geschluckt wird, führen feine Melodien, epische Gitarren und vielschichtigen Instrumentalparts zu den wohl einfühlsamsten Momenten auf diesem Album. Die zeigen dann schließlich wie viel Zerbrechlichkeit und Traurigkeit sich hinter all der Wut verbirgt.

Emotionen und Worte für die FJØRT stets den richtigen Ton finden. Ob nun die gewaltigen Klangteppiche, die markerschütternde Basslinien, das energiegeladene Schlagzeugspiel, die zerfetzenden Riffs, all das harmoniert perfekt zu den aufwühlenden und hochemotionalen Texten. Das Ergebnis ist ein bezauberndes Gesamtbild.

Und wenn dann das finale Lebewohl mit viel Krach und Gitarrenfunkeln, zwischen Liebe und Schmerz den endgültigen Schlussstrich zieht, wird mir klar, warum ich nicht loslassen kann. Das hier ist einfach ein aufregender Trip. Vor allem aber ein verflucht gutes Album. Und all denen, die dieses Album wieder in die Post-Hardcoreschublade zwängen wollen, sei gesagt, so einfach ist es dann doch nicht. „Denn das ist viel mehr…“

FJØRT – Kontakt

VÖ: 22. Januar 2016
Label: Grand Hotel van Cleef

Tracklist:
01. In Balance
02. Anthrazit
03. Prestige
04. Kontakt
05. Lichterloh
06. Paroli
07. Abgesang
08. Revue
09. Belvedere
10. Mantra
11. Lebewohl

Hinweis: Das Bildmaterial und eine Promoversion des Albums wurden mir freundlicherweise von Fleet Union zur Verfügung gestellt.