FJØRT im Interview

Vor einigen Tagen ist das neue FJØRT-Album via Grand Hotel van Cleef erschienen. Nachdem ich mich mit Kontakt (Review) ausführlich auseinandergesetzt habe – was im Übrigen zwangsläufig passiert, wenn man dieses Album verstehen will – und zudem diverse Stimmen rund um das Album analog wie digital gelesen habe, standen immer noch einige Fragen im Raum, die mir einfach keine Ruhe gelassen haben. Dankenswerterweise hatte ich die Möglichkeit, eben diese Fragen Chris, David und Frank direkt zu stellen. Ob nun über das neue Album, religiösen Fanatismus, die „braune Pest“ oder auch musikalisches Schubladendenken, FJØRT haben auch abseits ihrer Songs einiges zu sagen. Und das ist genauso interessant, spannend und in diesem Fall lesenswert, wie ihr gesamtes musikalisches Schaffen. Genau davon könnt Ihr Euch nun selbst überzeugen.

FJØRT (by Andreas Hornoff)

FJØRT by Andreas Hornoff


2016. Euer neues Album wird bereits vor der Veröffentlichung in diversen Medien mit viel Lob überschüttet. Die ersten beiden Vinyleditionen in nur kurzer Zeit ausverkauft. Dazu eine FUZE-Titelstory. Das Jahr beginnt vielversprechend für Euch. Die Erwartungen steigen somit aber auch. Wie verarbeitet Ihr das alles?
Mit Lob überschüttet. Das trifft den Nagel auf den Kopf, wenn man dies und das liest oder Nachrichten auf sein Handy von Freunden bekommt und man würde lügen, wenn man sagt, dass einen so etwas nicht freut. KONTAKT wurde aber nicht geschrieben um irgendeiner Erwartungshaltung zu entsprechen. Wir haben im gesamten Songwritingprozess nicht diesen Druck gespürt, den offenbar viele nach dem Release von „D’accord“ gesehen haben. Es gab wieder einige Entwicklungen um uns herum, die wir in Songs verarbeiten wollten. Das war der Grund für neue Lieder. Für uns war einzig wichtig, uns nicht zu wiederholen, denn das hätte uns gelangweilt. Uns ist schon bewusst, dass Menschen eine gewisse Erwartung an die Musik von FJØRT haben, aber diese zu treffen ist dann reiner Zufall. Du kannst als Band nur eine Platte machen, die Dir bis in die letzten Ecken zusagt und das geht authentisch nicht mit Rücksicht auf die Hörer, so sehr das auch da draußen von vielen versucht wird. Man verläuft sich dann irgendwann. Der Unterschied zum Release von „D’accord“ ist vielleicht, dass wir auf Grund der Masse nicht mehr alles mitbekommen, was jemand über uns schreibt bzw. brauchen zur Beantwortung von persönlichen Mails an die Band – was uns sehr wichtig ist – auch mal ne Nase länger. Wir sind sehr glücklich mit KONTAKT und freuen uns vor allem auf die Live-Shows.

Eure Texte zeugen hingegen nicht wirklich von Freude und Heiterkeit. Zumindest nicht offensichtlich. Vielmehr sind Angst, Zweifel, Wut und Trauer allgegenwärtig. Was sind die Auslöser für all das?
Vieles da draußen, ob im Freundeskreis, im Job oder in der Gesellschaft läuft nicht so ab, wie man es eigentlich von unserer Spezies erwarten sollte. Immer schon war dies der Motor für die Texte von FJØRT. Wir filtern unbewusst das ein oder andere Gespräch, werden mit Situationen konfrontiert die wir nicht nachvollziehen, einordnen oder verstehen können. Das passiert täglich und irgendwie müssen wir das kanalisieren. Es sammeln sich also zu Hause auf Papier oder im Telefon immer wieder Phrasen, die bestimmte Ereignisse widerspiegeln. Die positiven Dinge in unserem Leben genießen wir und bedürfen nicht Musik und Text als Ventil. Das brauchen wir nur bei den Dingen, die uns treffen, uns unwissend und zweifelnd zurücklassen. Dies geben wir dann – wenn auch unbewusst – an den Hörer weiter.

Eure Texte sind schon recht poetisch. Bieten zudem viel Raum für eigene Interpretationen. Wollt Ihr Eure Hörer*Innen bewusst zum Nachdenken anregen?
Da habe ich ja wiedermal einer Frage vorgegriffen. Ja genau das möchten wir. Den/die Hörer/in zum Nachdenken anregen. Wir sind keine Band des „missionierens“. Wer bin ich jemanden das „richtige Leben“ vorzuschreiben? Ich habe es ja selbst noch nicht einmal gefunden. Du kannst Menschen nur auf Probleme hinweisen, deine Erfahrungen schildern und vielleicht findet er sich dann wieder, denkt über die eine oder andere Situation nach und findet seine Lösung oder eben auch nicht. So passiert das übrigens auch in jedem gewöhnlichen Gespräch auf der Straße.

Neben Euren recht persönlichen Texten sprecht Ihr auf Kontakt auch zwei aktuelle Themen mit deutlichen Worten an. Paroli ist eine deutliche Kampfansage an die wieder wachsende braune Brut in diesem Land. Was läuft in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern Eurer Meinung nach gerade falsch?
In der letzten Zeit spürt man ganz deutlich den rechten Druck aus der Mitte der Gesellschaft und ich habe leider die Befürchtung, dass dies noch zunehmen wird. Vor einigen Jahren war ich der Meinung faschistisches Gedankengut könne auf einen gewissen, kleinen Personenkreis eingegrenzt werden. Die PEGIDA-Aufmärsche haben uns gezeigt welche hetzenden Parolen aus Mündern kommen, die ich nie partout in die „Rechte Ecke“ gestellt hätte. Ich äußerte eben, dass FJØRT Menschen keinen bestimmten Weg vorzuschreiben kann und möchte. Zumindest in zwei Themenbereichen auf KONTAKT ging das aber nicht. Wir können faschistischem Gedankengut oder religiösem Fundamentalismus in keiner Weise auch nur einen Funken Verständnis abgewinnen oder diese Ansichten tolerieren. Es konnte also nur der Appell folgen, dass solcherart Gedanken oder gar Taten nicht toleriert werden dürfen. Niemals.

Auf der anderen Seite zielt Abgesang auf religiöse Fanatiker, die diesen Planeten mit ihrem Terror ins Chaos führen. Egal wo ich ansetze, für mich liegen die Ursachen immer wieder in der Religion – welcher Art auch immer – selbst. Wie seht Ihr das?
Religion – das hat uns die Geschichte gezeigt – war für gewisse Menschen schon immer die Legitimation sich über jemand anderen zu erheben, diesen zu unterdrücken bzw. zu vernichten. Es ist ja auch recht einfach den Satz „Gott will es“ zu einem massenkompatiblen Freifahrschein zu machen. Ich frage mich immer, ab welchem Zeitpunkt es diese Ehrfurcht vor einer nicht existierenden Instanz es schafft, das menschliche Gewissen auszuknipsen. Sofern der Glaube an irgendetwas jemandem Kraft gibt, seinen Alltag zu meistern, kann ich dies zwar nicht nachvollziehen, aber darin auch nichts Verwerfliches finden. Es darf nur niemanden anders tangieren oder gar töten. Vielleicht ist das der Grund, warum wir stets versuchen in unseren Texten eben nicht zu missionieren, wie das verschiedene Religionen doch all’ zu gerne fordern.

Abgesang ist zudem die Aufarbeitung des Anschlags auf Charlie Hebdo Anfang 2015. Ende letzten Jahres dann der erneute Terror in Paris in einer noch größeren Dimension. Wie habt ihr das erlebt und, falls überhaupt möglich, verarbeitet? Wut, Trauer oder eher Ohnmacht?
Chris war in Paris als die Anschläge auf Charlie Hebdo verübt wurden. Er kam nach Hause und schrieb binnen einer Nacht den Text zu Abgesang. Wir haben lange über seine Erlebnisse vor Ort gesprochen und vor allem verzweifelt versucht, uns die Beweggründe der Attentäter zu erschließen. Ich würde unser Gefühl am ehesten mit Enttäuschung beschreiben, zu was Menschen -auch noch in der heutigen Zeit -in der Lage sind. Verarbeiten kannst Du solche Ereignisse sowieso nie, weil Du das alles einfach nicht nachvollziehen kannst. Ein Mensch, der in einem vor Jahrhunderten geschriebenen Märchenbuch mit Namen Bibel, Pali-Kanon oder Koran, liest, Phrasen aus dem Zusammenhang reißt und Menschen, die seinem Glauben nicht folgen, über den Haufen schießt… wie soll man das als Person, die für ein freies, offenes und vielfältiges Leben steht, nur irgendwie nachvollziehen können?

„Frei zu sein bedeutet, Freiheit zu schenken.“ Eine schöner Satz, den ich so primär aus der Tierrechtsbewegung kenne. Zudem ein bedeutsamer Satz. Aber scheinbar empfinden viele Menschen die Freiheit anderer eher als Einschränkung oder gar Bedrohung. Wie nehmt Ihr das wahr?
Ach, das wusste ich gar nicht. Unsere Generation wuchs friedlich und zumindest objektiv in Freiheit auf. Theoretisch konnten wir uns entwickeln wie wir wollen und viele haben das auch getan. Darum ist unsere Generation -zumindest in weiten Teilen -auch so weltoffen. Selbstverständlich sollte es für einen Menschen sein, für einen anderen einzustehen, dem diese Freiheit – sei es durch Unruhen, Kriege oder finanziellen Notstand – genommen wurde. Dies bedeutet aber auch sich z.B. in zeitlicher, räumlicher oder finanzieller Hinsicht einzuschränken. Und wie gerne gucken wir doch zuerst auf uns selbst. Bei uns jungen Leuten, spüre ich das weniger als bei der mittleren und älteren Generation, die sich an ihren Besitztümern festbeißt und gesellschaftlichem Wandel mit Furcht begegnet. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass sich dieses Problem mit unserer offener geprägten Generation in den kommenden Jahrzehnten erledigt.

Ihr werdet ja recht schnell immer in genau eine Schublade mit der Aufschrift Post-Hardcore gesteckt. Ist das OK für Euch? Ich persönlich empfinde dieses Schubladen- und Szenedenken immer sehr begrenzend. Zudem ist die Gefahr groß, dass es sogar abschreckend wirkt.
Wir versuchen doch immer alles einzusortieren und abzulegen. Das macht der lokale Gemüsehändler genauso wie dein Plattendealer. Wenn Du Musik veröffentlichst, wird diese mit anderer Musik verglichen und in ein bestimmtes Fach gelegt. Ich finde das gar nicht verwerflich, da ich über diese Schubladen viele großartige Bands kennenlernen durfte, die ich sicher im unsortierten Gemüseregal nicht gefunden hätte. Die Schubladen verändern Dich als Band ja nicht, da Du eh nur das machen kannst, was durch Zufall aus deinen Fingern kommt.
Drei Alben und dazwischen (zumindest gefühlt) pausenlos auf Tour. Bleibt da überhaupt noch Zeit für Chris, David und Frank?

Die Band frisst viel Zeit. Aber das möchten wir ja auch. Wir könnten ja jederzeit die Reißleine ziehen. Das Schaffen von Musik bedeutet uns sehr viel, ist unser Ventil für alles da draußen. Darüber hinaus haben wir das Glück, dass wir uns alle sehr gut riechen können. Das gilt nicht nur für die Band, sondern auch für das Team um uns herum. Es tut einfach jeden Tag gut kleiner Teil eines großen Ganzen zu sein und zu merken, dass man gemeinsam etwas aus dem Nichts erschaffen kann, was einen rundum erfüllt und unfassbar viel Freude bereitet.

Vielen lieben Dank für das Interview.

 

Bildmaterial: http://www.ghvc.de/index.php?id=fjort