Konzertbericht: Wolf Down, Counterparts, Stray From The Path, Stick To Your Guns in Oberhausen

Erst kürzlich bin ich in einer Presseinfo über die folgende Einleitung zur neuen Wolf Down Scheibe Incite&Conspire (Review) gestolpert:

„Die „Entpolitisierung“ des Hardcore. Seit Jahren findet sie statt, wird oft beklagt und zeichnet sich als deutlicher Trend ab. Leere Phrasen und dumpfe Aggressivität haben scheinbar den Drang zur Veränderung und das Schaffen einer besseren Gesellschaft ersetzt.“

Ganz von der Hand zu weisen ist diese Aussage definitiv nicht. Ist sie oftmals sogar traurige Realität. Andererseits trifft das auch nicht auf alle Bands und Konzerte zu. So zum Beispiel auf Wolf Down, Counterparts, Stray From The Path und Stick To Your Guns, die am letzten Freitag (26.02.2015) gemeinsam in der Oberhausener Turbinenhalle 2 aufgetreten sind. Vier Bands, die definitiv mehr zu bieten haben als leere Phrasen und eben nicht zur Entpolitisierung des Hardcore beitragen. Kein Grund also sich zu beklagen. Oder doch?

Oberhausen, Turbinenhalle 2 – 26.02.2016

Alle vier Bands habe ich bisher nun in kleinen Clubs gesehen. Und nun eine Show vor mehr als 1000 Menschen. Eine Hardcore-Show in dieser Größenordnung betrachte ich immer mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite freue ich mich für die Bands, dass so viele Menschen zu ihren Shows kommen. Auf der anderen Seite fehlt mir hier die Intimität, die (räumliche) Nähe zwischen Band und Publikum. Zudem sind Shows in kleinen Club einfach energiegeladener.

Genau das sollte dann auch an diesem Abend eintreten. Eine 60 Meter Schlange vor dem Eingang, eine gut gefüllte Halle, reihenweise Nike-Logos und ND-Schriftzüge auf dem Schuhwerk, veganes wie nicht veganes Essen, ein Stand der Hardcore Help Foundation, all das ließ mich sogleich an die Persistance Tour denken, die hier jedes Jahr in der Nachbarhalle stattfindet. Allerdings torkeln an diesem Abend keine betrunkenen Menschen durch die Halle. Und erfreulicherweise sind alle hippen Tough-Guys wohl zu Hause geblieben. Von charmanten Kickboxeinlagen blieben die ersten Reihen daher weitestgehend verschont.

Das galt dann auch für den Auftritt von Wolf Down, die diesen Abend eröffneten. Druckvoller Sound, harte Mosh-Parts und ein bunter Mix von alten und neuen Songs. Sowohl die Texte als auch die Ansagen von Sänger Dave konfrontieren alle Anwesenden auf kompromisslose Art und Weise mit Problemen unserer Zeit, während die schwarz-rote Fahne im Hintergrund weht. So hat es dann auch etwas Gutes, dass eine links-politische Band wie Wolf Down vor so vielen Menschen spielt. Besteht so zumindest die Chance viel mehr Menschen zum Nachdenken, auch über das eigene Handeln, anzuregen. Doch so gut mir die Texte gefallen, nach nur wenigen Songs ist mir das musikalisch einfach zu eintönig. Andererseits, im Vergleich zu vielen Bands, die mit inhaltlicher Leere glänzen, ist das hier definitiv hörenswert.

Es folgten Counterparts und Stray From The Path. Textlich sicherlich weniger radikal, stehen politische und gesellschaftskritische Themen aber dennoch im Vordergrund. Zudem scheppert es nun, insbesondere bei Counterparts, weitaus melodischer aus den Boxen. Und ja, alle Songs haben durchaus Power, nur packen können sie mich nicht. Der Funke springt an diesem Abend einfach nicht rüber. Ich kann mir nicht helfen, aber die Jungs wirken auf dieser großen Bühne einfach völlig verloren. Zudem scheint ein Teil der Power irgendwo im Graben vor der Bühne verloren zu gehen. Lediglich die Ansagen zwischen den Songs und die (bekannten) Lyrics bleiben hängen. Vor der Bühne, besser gesagt vor dem Zaun vor der Bühne, kommt das aber dennoch gut an. Ein nicht gerade kleiner Teil des Publikums schreit sehr textsicher viele Passagen mit, während die Security hinter dem Zaun nun erstmal ins Schwitzen kommt. Beide Bands wirken sichtlich gerührt und bedanken sich gleich mehrmals, sowohl für die Stimmung als auch für den Support über all die Jahre hinweg. Solide Auftritte, sowohl von Counterparts als auch von Stray From The Path. Begeisterung ist aber auf Grund der Location einfach nicht drin.

Zum Abschluss dann Stick To Your Guns. Die Bühne ist zwar auch für die fünf Jungs aus Kalifornien definitiv zu groß, aber hier ist nun weitaus mehr Bewegung drin. Hundertprozentig packend ist das zwar immer noch nicht, aber nun habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass die Energie auch von der Bühne rüberkommt. Und tatsächlich bebt nun auch die Halle. Vor allem Sänger Jesse Barnett sucht immer wieder die Interaktion mit dem Publikum und kann es so auch aufmuntern sich (noch mehr) zu bewegen. Genau das fällt offenbar nicht schwer, folgt auch ein Kracher dem nächsten. Spaß auf und vor der Bühne sowie permanentes Crowdsurfing sind die Folge. Zudem können gefühlte 90% des Publikums die Songs mitschreien, so dass trotz der großen Distanz zwischen Band und Publikum doch so etwas wie eine familiäre Atmosphäre entsteht. Das gilt auch für den Gastauftritt von Wolf Down Sänger Dave, der, wenn auch nur kurz, die freundschaftliche Verbindung beider Bands zeigt. Nachdem ich Jesse Barnett bei der Wolf Down Show vermisst habe – immerhin schreit er auf neuen Wolf Down Scheibe auch ins Mikro -, ist das dann doch eine Überraschung, die es in sich hat. Kommt gut. So auch der Soloauftritt von Jesse Barnett am Ende des Sets. Großes Gefühlskino auf einer Hardcoreshow. Warum auch nicht.

Anschließend ist dann Schluss. Nicht der ganz große Abend. Aber zumindest hat der gezeigt, dass einer Reihe von Bands der Scheiß auf dieser Welt nicht am Hintern vorbeigeht und die nicht davor zurückschrecken mit ihren Songs dagegen anzukämpfen.

This is the sound of raging hearts beating as one. Our burning matches will incite a firestorm. This is the anthem of those born with raised fists. (aus Conspire von der aktuellen Wolf Down Scheibe Incite&Conspire)