Konzertbericht: Together Festival in Essen

Eine Reise durch fast drei Jahrzehnte Hardcoregeschichte. So könnte der Untertitel des Together Festivals lauten, das in den letzten beiden Wochen in verschiedenen Städten in Europa gastierte. Bereits Ende der achtziger hatten die Gorilla Biscuits alle Songs ihrer Schaffensphase veröffentlicht und löste sich schließlich 1991 wieder auf. Nach langer Pause dann ein erstes Konzert 2005, zur Freude vieler die endgültige Reunion dann 2006. Somit auch die Gelegenheit die Band nach langer Zeit wieder oder gar zum ersten Mal überhaupt live erleben zu können. Gleiches gilt, wenn auch in anderen Zeitdimensionen, für Modern Life ist War. Nach ihrer Auflösung 2008 folgt 2012 die Reunion, einhergehend mit einem großartigen Fever Hunting im Jahr 2014 (Review). Beide Bands prägten seit ihrer Gründung eine Vielzahl von Bands, die beide Bands als großen Einfluss auf die eigene Musik nennen. So zum Beispiel Touché Amoré und Miles Away. Alle vier Bands sowie GWLT aus München waren nun im Rahmen des Togehther Festivals gemeinsam unterwegs. Fünf gute Gründe die Show in der Essener Weststadthalle zu besuchen. Fünf Gründe, die hoffentlich den für Hardcoreshows recht hohen Eintrittspreis von dreißig Euro rechtfertigen sollten.

Pünktlich um halb sieben standen GWLT auch schon auf der Bühne. Die Halle nur mäßig gefüllt, vor der Bühne klaffte ein großes Loch, aber die fünf Jungs aus München legten trotzdem gleich zu Beginn ein fettes Set hin. Musikalisch werden sie des Öfteren ja mit Such A Surge verglichen. Auch wenn ein gewisser Crossover-Sound nicht zu überhören ist, ganz nachvollziehen kann ich das aber nicht. Der Sound ist weitaus wuchtiger, die Gitarren viel prägnanter und der Sprechgesang von Sänger David Mayonga ist im Gegensatz weniger bestimmend. Wie dem auch sei, packen können sie mich musikalisch an diesem Abend nicht. Textlich hingegen mehr als hörenswert. Die zumeist sozialkritischen Texte sind hochaktuell und sprechen viele Dinge an (wie Volksverhetzung, Rassismus, geschürter Hass), die nicht nur hierzulande gerade völlig falsch laufen. Zumindest aus dieser Sicht ein interessanter Start in den Abend.

Miles Away ließen dann ganz andere Töne aus den Boxen fliegen. Fetzige oldschool-Riffs und ein durchweg flottes Tempo sollten schon mal auf den Auftritt der Gorilla Biscuits einstimmen. Das wirkt spritzig, hat Biss und kommt auch beim Publikum gut an. Zudem füllte sich die Hallen nun langsam auch und vor der Bühne war nun erstmals ein wenig Bewegung zu erkennen. Die beschränkte sich zwar nur auf einige wenige Menschen. Dafür konnten die fast alle Songs mitschreien, was von Sänger Nick Horsnell immer wieder dankend angenommen wurde. Vermutlich wäre die Stimmung in einem kleinen Club aber wesentlich besser gewesen. Irgendwie fühlt sich das hier viel zu groß an. Insgesamt jedoch ein solider Auftritt der Jungs aus Australien, der richtig Spaß machte.

Anschließend dann Touché Amoré – für mich so etwas wie die Hardcore-Romantiker – und nun wurde es zum ersten Mal so richtig eng in der Weststadthalle. Die ersten Akkorde und das Publikum war sofort hellwach. Die ersten Stagediver*Innen erobern die Bühne, vor der Bühne schreien sich die Menschen die Lunge aus dem Leib und Sänger Jeremy Bolm, der wie gewohnt über beide Ohren strahlt, nutzt jede Gelegenheit zur Interaktion mit dem Publikum (ohne Graben, Barriere etc vor der Bühne klappt das bestens). So steigt die Stimmung mit jedem weiteren Song und gipfelt letztendlich im Gastauftritt von Modern Life Is War Sänger Jeffrey Eaton. So verfliegt auch meine anfängliche Skepsis, ob Touché Amoré, die ich bisher nun in kleineren Clubs gesehen habe, auch in Hallen dieser Größenordnung mitreißen können. Ja, das können sie. Was nicht zuletzt an der Wucht der Songs liegt, allen voran am kraftvollen Schlagzeugspiel von Elliot Babin, das allen Songs das gewisse Etwas verleiht. Lediglich die Vorfreude auf das in diesem Jahr anstehende neue Album wurde etwas getrübt, da der vorgestellte neue Song im Vergleich zu den bisherigen Outputs doch etwas blass erschien. Dennoch, so gut wie an diesem Abend habe ich die fünf Kalifornier bisher nicht erlebt.

„There’s people that changed me. There’s songs that saved me from all of this. There’s days that defined me. There’s nights that gave me strength from all of this.” (Touché Amoré, Anyone / Anything)

Es folgen Modern Life Is War. In der Vergangenheit war jedes Konzert der Jungs aus Iowa ein wahres Erlebnis. So zuletzt im letzten Jahr im Kölner Underground (Showbericht). Und auch an diesem Abend haben sie mich bereits beim ersten Song. Während des gesamten Sets kochen die Emotionen, folgt eine Gefühlswoge der nächsten. Nur wenige Bands sind in der Lage eine derart intensive Atmosphäre zu schaffen wie eben Modern Life Is War. Die mächtigen Gitarrenwände erdrücken einfach alles, das Schlagzeug scheint mit fetten Hieben alles niederzuschlagen. Zwar nur langsamen, dafür jeder mit einer Wucht, die alles erschüttert. Dazu die Stimme von Jeffrey Eaton, die jede Silbe mit einer Dramaturgie hinausschreit, dass es mir eiskalt den Rücken runter läuft. Und obwohl die Songs sich zumeist nur im Midtempo bewegen, fliegen permanent Stagediver von der Bühne, während vor der Bühne und im Pit jeder Song mitgeschrien wird. Höhepunkt des Ganzen ist dann D.E.A.D. R.A.M.O.N.E.S. Plötzlich stehen dermaßen viele Menschen auf der Bühne, dass die Band zeitweise kaum zu sehen ist. Darunter auch Jeremy Bolm, der Jeffrey Eaton am Mikro unterstützt. Ganz großes Kino in gerade einmal zwei Minuten. Und insgesamt ein fetter Auftritt, der zwischen Wut, Aggression und Melancholie alles auslöst und so schnell nicht loslassen wird.

Dann der sehnsüchtige erwartete Auftritt der Gorilla Biscuits und somit auch der Sprung in die Vergangenheit. Schließlich sind alle Songs der New Yorker nun schon mehr als 25 Jahre alt und somit auch älter als ein nicht kleiner Teil des Publikums. Doch als die Gorilla Biscuits auf die Bühne stürmen wird in nur wenigen Augenblicken deutlich, dass (gefühlt) alle Anwesenden sämtlichen Songs von vorn bis hinten auswendig kennen. Die Hardcorewurzel sind zumindest hier und heute allen bekannt. Vom ersten Song an gibt es kein Halten mehr. Wie bereits bei Modern Life Is War fliegen pausenlos Menschen ins Publikum. Das passt dann ja auch zu „Stagedives make me feel more alive…“ aus New Direction. Währenddessen wird im Pit vor der Bühne ausgiebig getanzt. Violent Dancing findet hier keinen Nährboden. Gut so. Denn das hier ist Energie pur, aber ohne sinnlose Gewalteinlagen. Die Songs scheint eh jede*r zu kennen, somit singt oder schreit auch jede*r mit. Insbesondere von Sänger Civ (Anthony Civarelli) das Mikro in die ersten Reihen hält. Höhepunkt ist schließlich ein Minor Threat Cover (Minor Threat) – wir reisen weitere zehn Jahre in die Vergangenheit. Zum ersten Mal habe ich Probleme die Band auf der Bühne zu sehen. Nicht weil plötzlich ein zwei Meter Mensch vor mir steht, sondern weil die Bühne von Menschen überrannt wird. Großartig, obwohl ich weiter hinten stehe, spüre ich Adrenalin im ganzen Körper. Nach gut vierzig Minuten ist dann Schluss. Eine Zugabe gibt es wie gewohnt nicht („We’re not a rock’n’roll Band.“). Dennoch, aber wohl genau deswegen verlasse ich die Halle mit einem Lächeln im Gesicht. Von daher müssen sich auch die dreißig Euro gelohnt haben. Anderseits, auch wenn sechs Euro pro Band sicherlich nicht viel sind, mit Hardcore hat das insgesamt dann doch eher weniger zu tun.