reingeschaut: aktuelles Positionspapier der DGE zur veganen Ernährung

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) hat kürzlich ein neues Positionspapier1 zur veganen Ernährung veröffentlicht. Schauen wir mal rein. Vielleicht besteht ja Grund zur Freude. Ein Blick in die einleitende Zusammenfassung lässt die aber gar nicht erst aufkommen. Heißt es hier doch „Bei einer rein pflanzlichen Ernährung ist eine ausreichende Versorgung mit einigen Nährstoffen nicht oder nur schwer möglich.“ Darüber hinaus wird eine vegane Ernährung für Schwangere, Stillende, Säuglinge, Kinder und Jugendliche weiterhin nicht empfohlen. Dies entspricht der Stellungnahme zur veganen Kinderernährung aus dem Jahr 20112. Aber dennoch, es gibt auch positives zu berichten.

Erstmals gibt die DGE nun Empfehlungen für alle Menschen, die sich vegan ernähren möchten. An erster Stelle steht hier die dauerhafte Einnahme von Vitamin-B12-Präparaten sowie die Vitamin-B12-Versorgung in regelmäßigen Abständen ärztlich untersuchen zu lassen. Dies entspricht der bereits seit vielen Jahren gängigen Empfehlung seriöser Organisationen wie dem VEBU, der Albert Schweitzer Stiftung oder auch der Academy of Nutrition and Dietetics (A.N.D.). Da Vitamin B12 ausschließlich in tierlichen Lebensmitteln vorkommt, ist die Verwendung von Supplementen zwingend erforderlich. Allerdings ist das immer noch nicht bei allen Veganer*Innen angekommen. Genau darauf stürzt sich die DGE, indem sie sich auf gleich mehrere Studien (darunter auch sehr aktuelle) beruft, die einen Vitamin-B12-Mangel bei Veganer*Innen belegen. Allerdings nur bei solchen, die keine Vitamin-B12-Präparate oder diese in nicht ausreichenden Mengen einnehmen. Das Ergebnis dieser Studien ist somit nicht verwunderlich. Leider wird nicht auf den Vitamin-B12-Status von Veganer*Innen eingegangen, die regelmäßig Vitamin-B12-Präparate einnehmen. Sollten diesbezüglich keine Studien vorliegen (?), wäre diese Tatsache zumindest ein paar Worte wert gewesen. So wirkt das doch recht einseitig recherchiert.

Des Weiteren ist auf eine ausreichende Zufuhr weiterer kritischer Nährstoffe zu achten und bei Bedarf sollten angereicherte Lebensmittel und Nährstoffpräparate verwendet werden. In einer übersichtlichen Tabelle werden eine Vielzahl von Lebensmitteln aufgeführt, um den Bedarf an Protein, Omega-3-Fettsäure, Vitamin D, Riboflavin, Calcium, Eisen, Jod, Zink und Selen (die kritischen Nährstoffe neben Vitamin B12) zu decken. Auch das deckt sich mit den Empfehlungen der genannten Organisationen. Somit führt die DGE hier keine neuen Erkenntnisse auf. Überraschend sind hier jedoch die Angaben zur Versorgung von Vitamin D. Generell kann der Mensch es bei ausreichender Sonneneinstrahlung selbst bilden. Eine Aufnahme über die Nahrung ist dann nicht erforderlich. Nun geht aber die gängige Meinung3,4 dahin, dass in den Wintermonaten die Sonnenbestrahlung in unseren Breitengraden und somit die endogene Synthese nicht ausreichend ist, um die gewünschte Versorgung sicherzustellen. Die hier aufgeführten Lebensmittel (Steinpilze und angereicherte Lebensmittel) reichen definitiv nicht aus, um die Referenzwerte5 für die Aufnahme von 10 bis 20µg pro Tag einzuhalten. Die Einnahme ist dann über Vitamin D-Präparate sicherzustellen. Dieser explizite Hinweis wäre hier sinnvoll gewesen anstatt diesen nur indirekt über die Quellenangaben zu geben. Immerhin gilt diese Empfehlung unabhängig von der Form der Ernährung.

Bis hierhin gibt es noch keinen konkreten Anhaltspunkt, warum im Rahmen einer veganen Ernährung die Versorgung mit einigen Nährstoffen nicht oder nur schwer möglich ist. Es stellt sich die Frage warum die Tabelle überhaupt aufgeführt worden ist, wenn sie nicht zeigen soll, dass es durchaus Alternativen gibt und was es zu beachten gilt. Schließlich wird in einem späteren Abschnitt darauf hingewiesen, dass die aufgeführten Lebensmittel reich an kritischen Nährstoffen sind. Weiterhin sei unter Berücksichtigung einer gezielten Lebensmittelauswahl und guter Planung auch eine vegane Ernährung ohne Nährstoffmangel möglich.

Neben der ausreichenden Versorgung aller kritischen Nährstoffe sowie regelmäßiger ärztlicher Kontrolle empfiehlt die DGE die Beratung durch qualifizierte Ernährungsfachkräfte. Wie das in der Realität umgesetzt werden soll bleibt jedoch schleierhaft, da es hierzulande nur wenige Ernährungsberater*Innen gibt, die sich mit der veganen Ernährung auskennen. Vielleicht ändert sich das aber in naher Zukunft mit dem hier vorliegenden Positionspapier.

Es folgt die weiterhin ablehnende Haltung der DGE für die vegane Ernährung in sensiblen Lebenslagen wie Schwangerschaft, Säuglingsalter bis hin zum Jugendalter. In diesen Lebensphasen besteht bei einer veganen Ernährung eine Versorgungsproblematik für einige Nährstoffe, die sich nachteilig auf die Gesundheit auswirken kann. Daher gilt für diese Phasen eine gesonderte Aufmerksamkeit in puncto Ernährung. Dazu zählen eine gezielte Lebensmittelauswahl und –zubereitung, die regelmäßige ärztliche Kontrolle sowie bei Bedarf die Verwendung von Nährstoffpräparaten. Zudem sollten angereicherte Lebensmittel einbezogen werden. Auch diese Punkte decken sich mit den bereits langjährigen Empfehlungen der oben genannten Organisationen. Dennoch rät die DGE in ihrem Fazit von einer veganen Ernährung in diesen Lebensphasen ab. Interessant ist dabei, dass sie darauf hinweist, dass es zu vegan lebenden Menschen dieser Risikogruppen keine aussagekräftigen Studien gibt. Daher bezieht sie sich auf einige Fallbeispiele, bei denen die Versorgung mit Jod und Vitamin B12 unzureichend war. Die aufgeführten Quellen deuten jedoch an, dass die Mütter sich nicht an die Spielregeln gehalten haben (unter anderem keine Verwendung von Vitamin-B12-Präparaten) und daher unterversorgt waren. Daran anschließend wird das Ergebnis einer systematischen Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2015 aufgeführt. Die Autoren kommen letztendlich zu dem Schluss, dass eine vegane Ernährung ohne finanzielle Einschränkungen in der Schwangerschaft sicher ist, wenn die Nährstoffversorgung beobachtet wird und Nährstoffdefizite kompensiert werden. Anders ausgedrückt, wer sich an die Spielregeln hält sollte keine Probleme bekommen. Dennoch scheinen die aufgeführten Fallbeispiele für die Position der DGE maßgebend zu sein.

Ein ähnliches Bild gibt es im Abschnitt zur Lebensmittelauswahl. Hier speziell zum Thema vegane Säuglingsnahrung auf Sojabasis. Zunächst wir eine aktuelle Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2014 zitiert. Diese kommt zu dem Ergebnis, dass moderne Säuglingsmilchnahrungen auf Sojabasis sicher sind und sich nicht anders als andere Säuglingsnahrungen und Frauenmilch auf Wachstum, Knochengesundheit usw. auswirken. Zu einer anderen Bewertung kommen das Bundesinstitut für Risikobewertung, das Netzwerk junge Familien und die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Hier wird die Meinung vertreten, dass Säuglingsmilchnahrungen auf Sojabasis keinen Ersatz für Produkte auf Kuhmilchbasis darstellen und nicht für die Ernährung gesunder Säuglinge gedacht sind. Unter anderem wegen des hohen Gehalts an Phytoöstrogenen und aufgrund des höheren Aluminiumgehalts im Vergleich zu Säuglingsmilchnahrung auf Kuhmilchbasis. An dieser Stelle fehlt jedoch eine Bewertung inklusive Begründung der DGE für die eine oder andere Position. Das abschließende und bereits zitierte Fazit lässt zumindest auf die letztgenannte schließen. Eine Begründung wäre hier jedoch zu begrüßen. (Anm.: Auf VeganHealth.org findet Ihr einen ausführlichen Bericht6 mit dem Titel „Soy: What’s the Harm?“, der mit den Mythen rund um die Sojabohne aufräumt.)

Zum Thema Lebensmittelauswahl wird darauf hingewiesen, dass viele vegane Fertigprodukte oftmals zu viel Salz, Zucker und Fett enthalten und daher ernährungsphysiologisch nicht günstig sind. Was hier nur zwischen den Zeilen gelesen werden kann, empfehlen die genannten anderen Organisationen ebenfalls seit länger Zeit. Stark verarbeitete Lebensmittel sollten nur in Maßen gegessen werden. Stattdessen sollten vollwertige und nicht (oder nur wenig) verarbeitete Produkte verwendet werden. Darunter Gemüse, Hülsenfrüchte, Obst, Nüsse, Samen, wertvolle Pflanzenöle und Vollkornprodukte. Die DGE weist selbst darauf hin, dass die vorteilhafte Wirkung dieser Lebensmittel belegt ist.

Positiv ist, dass die DGE nun erstmals die Position anderer Organisationen (wie der A.N.D.), die der veganen Ernährung positiv gegenüberstehen, aufführt, ohne jedoch eine direkte Bewertung folgen zu lassen. Die A.N.D. sagt zum Beispiel schon seit längerer Zeit, dass eine gut geplante vegane Ernährung, die Nährstoffpräparate und angereicherte Lebensmittel einschließt, allen Ernährungsempfehlungen gerecht werden kann und für alle Altersgruppen, einschließlich Schwangerschaft und Stillzeit, angemessen ist7. Lediglich eine der aufgeführten Positionen aus dem Ausland (British Nutrition Foundation) wird kritisch betrachtet. Das ist dann die einzige, die eine vegane Ernährung in den sensiblen Lebensphasen für nicht empfehlenswert hält. Hier weist die DGE darauf hin, dass diese Stellungnahme aus dem Jahr 2005 stammt und daher nur ältere Literatur berücksichtigt wurde. So positiv dieser Hinweis auch ist, verwundert er schon, da auch die DGE in diesem Positionspapier vier Quellen aus den achtziger und neunziger Jahren berücksichtigt. Im ihrem Positionspaper(2) zur veganen Kinderernährung aus dem Jahr 2014 führt die DGE etwas mehr als 50 Quellen auf. Eine Vielzahl dieser Quellen stammt ebenfalls noch aus den neunziger und achtziger Jahren. Somit stellt sich die Frage, ob es um dieses Positionspapier besser gestellt ist als um das der British Nutrition Foundation. Letztendlich scheinen erneut die Empfehlungen des Netzwerks Junge Familie sowie der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin den Ausschlag zu geben, eine vegane Ernährung in den sensiblen Lebensphasen nicht zu empfehlen bzw. diese ohne Verwendung von Nährstoffpräparaten abzulehnen. Auch hier wäre eine abschließende Bewertung, warum diesen Empfehlungen gefolgt wird, wünschenswert.

Anzumerken ist weiterhin, dass die DGE die positiven Auswirkungen einer pflanzenbasierten Ernährung anerkennt. So wird aufgeführt, dass eine hohe Zufuhr von rotem Fleisch und insbesondere von Fleischerzeugnissen das Risiko für viele Krankheiten erhöht (zum Beispiel Krebs), während viele pflanzliche Lebensmittel einen genau gegenteiligen Effekt haben und das Risiko für viele Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Krankheiten und Diabetes mellitus Typ 2 senken.

Fazit:
Fünf Jahre nach ihrem Positionspapier zur veganen Kinderernährung empfiehlt die DGE eine vegane Ernährung zwar weiterhin nicht. Liefert aber trotz ablehnender Haltung erstmals Tipps für diejenigen, die sich dennoch für eine solche entscheiden. Im Prinzip wiederholt die DGE aber nur, was andere Organisationen seit vielen Jahren vertreten und empfehlen. Für alle Veganer*Innen, die sich intensiv mit ihrer Ernährung beschäftigen, gibt es also nichts Neues. Lediglich ein erstes „wohlwollendes“ Statement der DGE auf offizieller Ebene, das auf weitere positive Schritte seitens der DGE hoffen lässt.

All diejenigen, die auch ihre Kinder vegan ernähren möchten, müssen weiterhin auf ein solches warten. Warum die DGE jedoch von einer veganen Ernährung in sensiblen Lebensphasen abrät, geht aus ihrem Papier nicht hervor, da sie in den entscheidenden Abschnitten keinerlei Begründungen aufführt.

Insgesamt habe ich das Gefühl, dass sich die DGE der veganen Ernährung etwas übervorsichtig annähert. Aber immerhin, sie öffnet sich. Und das ist ein guter erster Schritt in die richtige Richtung.

 

 

Quellen:
1) https://www.ernaehrungs-umschau.de/fileadmin/Ernaehrungs-Umschau/pdfs/pdf_2016/04_16/EU04_2016_M220-M230.pdf

2) https://www.dge.de/wissenschaft/weitere-publikationen/fachinformationen/vegane-ernaehrung-saeugling-kindesalter (abgerufen am 15.04.2016)

3) https://vebu.de/fitness-gesundheit/naehrstoffe/vitamin-d-dank-sonne/ (abgerufen am 15.04.2016)

4) http://www.zeit.de/2011/50/M-Vitamin-D (abgerufen am 15.04.2016)

5) https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/vitamin-d/ (abgerufen am 15.04.2016)

6) http://www.veganhealth.org/articles/soy_wth (abgerufen am 15.04.2016)

7) Positionspapier ADA (2009): Craig, W.J. et al. (2009). Position of the American Dietetic Association: Vegetarian Diets. Journal of the American Dietetic Association