reinhören: descendents – hypercaffium spazzinate

Descendents - Hypercaffium Spazzinate (Coverart)Eine Review zur neuen Scheibe einer Band, die sicherlich zu den (stil-) prägenden eines ganzen Genres gehört, ist wahrlich kein leichtes Unterfangen. Urteilt man zu schlecht, sind Schläge von fast allen Seiten zu befürchten (Ausnahme war hier die letzte Black Flag Scheibe, die offenbar jede*r niedermachen durfte. Wohl weil die Jungs kein neues Damaged lieferten und die FLAG-Besetzung sich nach jahrelangem Streit offenbar als die Lieblinge der Massen entpuppten. Aber das ist ein anderes Thema). Fallen die Worte hingegen zu positiv aus, wird einem gleich mangelnde Objektivität vorgeworfen. Ob nun gut oder schlecht, haben muss man diese Scheibe ja auf jeden Fall. Allein für die eigene Plattensammlung. Auch wenn sie dann im Plattenregal verstaubt.

Nun haben die Descendents kürzlich ihre neue Scheibe veröffentlicht. Immerhin zwölf Jahre nach ihrem letzten musikalischen Output Cool to be you und bereits zwanzig Jahre nach dem Epitaph-Debüt Everything Sucks. Hypercaffium Spazzinate ist somit das siebte Album in fast vierzig Jahren Bandgeschichte und das zweite, das via Epitaph erscheint. Stellt sich die Frage, ob Hypercaffium Spazzinate nun auch im Plattenregal verstauben wird oder doch ein Dauergast auf dem Plattenteller wird. Nun, Hypercaffium Spazzinate ist kein Everything sucks und reicht auch definitiv nicht an das Debütalbum Milo goes to College heran. Das waren und sind zwei Meisterwerke in puncto melodischer Punkrock. Ist aber mindestens so gut wie beispielsweise das 2004er Cool to be you. Und somit mit Abstand besser als die meisten vergleichbaren Platten anderer Bands der letzten zehn, na fast schon zwanzig Jahre (nach Everything sucks eben). Soviel zum Einordnen in die richtige Schublade. Klingt einfach, ist es aber auch.

Hypercaffium Spazzinate macht nämlich von der ersten bis zur letzten Sekunde vor allem eins: Spaß. Was vor allem daran liegt, dass Karl Alvarez , Milo Aukerman, Stephen Egerton, Bill Stevenson gar nicht erst versuchen sich neu zu erfinden. Nein, das ist der typische Descendents-Sound, den man mag. Den man seit vielen Jahren liebt. Die poppigen Melodien bleiben unverkennbar, wie auch ihr Humor. Rotzfrech mit einem Hauch von Sarkasmus. Zudem klingen die Songs lebendig, frisch und eingängig wie eh und je. Das gilt vor allem für On Paper, Spineless and Scarlet Red und Shameless Halo. Drei kleine Hits, die ohne Probleme im Radio laufen könnten. Aber diesen Platz nehmen dankeswerterweise andere Bands ein, die mit Punkrock nichts mehr am Hut haben (auch wenn sie das nicht wahr haben wollen). Im Gegensatz dazu reißt No Fat Burger in weniger als fünfundvierzig Sekunden die nächste Fastfood-Bude ein. Somit passend zur Thematik des Songs, dann dank Fastfood lassen Herzprobleme ja auch nicht lange auf sich warten. Und am Radio rast der Song förmlich vorbei. Gut so. Das folgende Testosterone, wie der Opener Feel this eine rotzige Punkrocknummer, zeigt bei gedrosseltem Tempo den gleichen Biss. Kommt wie auch Limiter sozialkritisch, ohne den für die Descendents typischen bissigen Unterton zu verstecken. Da klingt Without Love schon fast romantisch und verträumt. Schmeißt aber mit feinen Melodien nur so um sich. Der kurze Wutausbruch We got Defeat ist dann schon fast die logische Folge. Vor allem der Bass scheppert hier gewaltig. Bemerkenswert was Karl Alvarez seinen vier Saiten immer wieder entlockt. Insbesondere die markanten Basslinien in Shameless Halo oder auch in Fighting Myself wird so manch Bassspieler*In ins Grübeln bringen. Währenddessen zaubert Smile nach etwas mehr als zwei Minuten ein Lächeln in jedes Gesicht. Falls nicht, na dann eben Pech gehabt. Ich steige lieber in den Chor ein: „Torn away and at the end of the day you can look back at a game well played.“

Genau das gilt auch für die übrigen Stücke und somit für das gesamte Album. Diese 31 Minuten machen einfach glücklich. Und die Descendents seit vierzig Jahren alles richtig.

Descendents – Hypercaffium Spazzinate

VÖ: 29. Juli 2016
Label: Epitaph

Tracklist:
01. Feel This
02. Victim of Me
03. On Paper
04. Shameless Halo
05. No Fat Burger
06. Testosterone
07. Without Love
08. We Got Defeat
09. Smile
10. Limiter
11. Fighting Myself
12. Spineless and Scarlet Red
13. Human Being
14. Full Circle
15. Comeback Kid
16. Beyond the Music

Hinweis: Das Bildmaterial ist Teil des mp3-Downloads, der via Downloadcode der Vinylversion abgerufen werden kann.