reinhören: touché amoré – stage four

Touché Amoré – Stage Four (coverartwork)Auf Is Survived By (2013 via Deathwish, Review) thematisierten Touché Amoré die Auseinandersetzung mit dem eigenen Erbe und indirekt auch den Druck uns nach …To the Beat of a Dead Horse und Parting the Sea Between Brightness and Me ein weiteres großes Album zu schenken. Es gelang ihnen und jetzt, drei Jahre später, sind sie zurück mit Album Nummer vier. Das trägt auf den ersten Blick dann auch den passenden Namen, Stage Four. Allerdings liegt der Grund für diesen Titel viel tiefer begründet. 2014 starb die Mutter von Sänger Jeremy Bolm plötzlich an Krebs im Endstadium (Stufe vier).

“You died at 69 with a body full of cancer. I asked your god “how could you”. But I never heard an answer. No one saw it coming, the Diagnosis of stage four. The bravest woman I knew. That survived it once before.” (aus Displacement).

Die Nachricht über ihren Tod erhielt er während einer Touché Amoré Show in Gainesville und von dieser tragischen Geschichte erzählt dann auch der Song Eight Seconds. “She passed away about an hour ago while you were onstage living the dream.” Nur ein herzzerreißender Song auf einem Album, das nichts anderes als eben solch herzzerreißender Songs enthält. Und wie auch auf den vorherigen Alben versteckt Jeremy Bolm derart traurige Worte nicht hinter irgendwelchen Metaphern, sondern schreit sie offen, ehrlich und nicht selten schmerzhaft ins Mikrofon. So gibt er uns einen tiefen Blick in sein Seelenleben, in dem er den Tod seiner Mutter versucht zu verarbeiten.

Klang Is Survived By in seiner Ganzheit noch überraschend positiv und optimistisch, so ist Stage Four daher auch wieder ein sehr düsteres Album geworden. Zumindest auf den ersten Blick. Was nicht weiter wundert. Beherrschen nun Trauer, Wut, Verlust, Unverständnis, verpasste Gelegenheiten und alle die Worte, die man immer sagen wollte aber nicht gesagt hat, sowie der Versuch mit all dem klar zu kommen Jeremy Bolms Texte. Dabei trifft seine überaus markante und unverwechselbare Stimme oder besser gesagt sein Geschreie genau die passende Tonlage für die traurig bis tragischen Texte. Zudem schafft er es erneut, jedes Wort derart deutlich ins Mikro zu schreien, dass kaum auffällt, dass er tatsächlich nur schreit. Allerdings zeigt der Gesang auch eine große Überraschung auf Stage Four. In Water Damage und Palm Dreams ist erstmals ein klarer Gesang zu hören. Der überrascht umso mehr, als das er eine recht tiefe Stimme hören lässt. Die steht einerseits im schönen Kontrast zu seinem ehr hellen Geschreie, andererseits zeigt sie aber auch, dass er an sich kein begnadeter Sänger ist. Was in diesem Falle aber definitiv nicht negativ zu bewerten ist, da das dem traurigen Anstrich des Albums gekonnt untermalt.

Aber so gut die Texte und die gesangliche Umsetzung auch sind, so falsch ist es, Stage Four allein auf diese Aspekte zu reduzieren. Denn auf den zweiten Blick zeigt sich die andere Seite des Albums. Und die strahlt erneut umso mehr. Immer wieder zieren feine, fast schon zärtliche Gitarrenmelodien von Nick Steinhardt und Clayton Stevens die Songs. Stets passend zur Stimmung, irgendwie immer traurig und doch wunderschön. Vor allem aber ungemein vielschichtig und abwechslungsreich. Dahinter stacheln sich Bass und Schlagzeug immer wieder zu wilden Prügeleien an – Touché Amoré bleiben ihren Hardcorewurzeln auch auf diesem Album treu -, selbst in ruhigen Momenten bleiben sie druckvoll, lauern nur auf den nächsten Ausbruch. Und selbst in den dann folgenden wilden und druckvollen Passagen gehen die Melodien in der Raserei nicht verloren (wie in Eight Seconds).

Dabei klingt das alles wunderbar harmonisch. Touché Amoré schaffen es Schönheit, Tragik und Härte perfekt miteinander zu verschmelzen und sorgen so für eine Vielzahl an großen Momenten, die nicht immer einfach zu verarbeiten sind. Wenn Jeremy Bolm beispielsweise New Halloween mit „I haven’t found the courage to listen to your last message to me“ beendet und die Instrumente sich langsam und leise zurückziehen oder in Eight Seconds nach dem (bereits zitierten und) erschütterndsten Satz des ganzen Albums “She passed away about an hour ago while you were onstage living the dream” gar genauso plötzlich aufhören wie der Gesang, muss man schon tief ein- und ausatmen, um das zu verdauen. Sich davon zu befreien fällt wahrlich schwer

Sicher, diesem Album liegt eine äußerst traurige Geschichte zu Grunde. Doch aus dieser Trauer ziehen Touché Amoré offenbar immens viel Kraft und schenken uns mit Stage Four ein brutal offenes, persönliches, schmerzhaftes, aufregendes, bewegendes, vor allem aber ein großartiges Album. Das ist emotionaler Hardcore auf ganz hohem Niveau.

Touché Amoré – Stage Four

Label: Epitaph
VÖ: 16. September 2016

Tracklist:
01. Flowers and You
02. New Halloween
03. Rapture
04. Displacement
05. Benediction
06. Eight Seconds
07. Palm Dreams
08. Softer Spoken
09. Posing Holy
10. Water Damage
11. Skyscraper