reinhören: neurosis – fires within fires

Neurosos - Fires Wihin Fires (Coverartwork)Vor vier Jahren war Honor Found In Decay eins der musikalischen Highlights. Die Kontroverse rund um dieses Album habe ich bis heute nicht verstanden. Für mich hatte das den Anschein, viele sogenannte Fans erwarten mit jeder weiteren Veröffentlichung von Neurosis ein weiteres Enemy Of The Sun oder Souls At Zero und sind dann einfach nur enttäuscht, dass die Jungs aus Oakland nicht das liefern, was erwartet wurde. Ja, das waren zweifelsohne zwei großartige Scheiben. Aber mal ehrlich, wenn die gewünscht werden, dann legt die doch einfach auf und Klappe halten. Zumal dann Neurosis offenbar nicht verstanden wurden und werden. Haben sie sich jemals an irgendwelche Erwartungen oder gar Konventionen gehalten? Mitnichten. Und das ist auch gut. Macht es diese Band und Musik im Allgemeinen doch umso interessanter. Schließlich haben sie nicht nur ihren ganz eigenen Sound kreiert, sondern diesen über die Jahre hinweg immer weiter ausgebaut. Alles andere bedeutet auch Stagnation und somit Langeweile. Und während so gut wie alle Nacheiferer bereits am Kopieren des Sounds gescheitert sind, gehen Neurosis ihren Weg nicht nur konsequent, sondern auch sehr souverän weiter und bringen ihren Sound und auch Musik im Allgemeinen immer wieder auf ein neues Level. Genau das gilt auch für das nunmehr elfte Werk Fires Within Fires.

Der erste Eindruck lässt sich in nur wenigen Worten beschreiben. Neurosis sind Neurosis sind Neurosis. Aber wie gewohnt kommt alles anderes als gedacht. So gleicht auch dieses Album einem schwarzen Labyrinth, das in völliger Dunkelheit immer neue Wege einzuschlagen scheint. Aber gerade als ich meine, dieses Labyrinth zu verstehen und mich auf dem richtigen Pfad wähne, schlägt es von allen Seiten mit einer wahnsinnigen Brutalität auf mich ein oder stellt mir die nächste Geräuschwand in den Weg, die nicht nur mein Trommelfell strapaziert. Dabei habe ich es andererseits kommen sehen. Wieder einmal entwickelt sich die Intensität eines jeden Songs nur langsam, ja fast schon gemächlich schleicht der nächste brachiale Ausbruch heran. Ich sollte vorbereitet sein. Aber dennoch, Fires Within Fires zieht mir immer genau dann die Erde unter den Füßen weg, wenn ich es gerade nicht erwartet habe.

Das liegt vor allem an dem erneut grandiosen Spiel mit leisen und lauten Passagen in dieser gewohnt düsteren Atmosphäre. Wobei ich mir nicht sicher bin, was mehr an den Nerven nagt. Ist sonst die Stille in der Düsternis die eigentliche Seelenqual, ist dieser Lärm, der aus dem Nichts niederkracht, nicht weniger aufreibend. Doch dieses permanent Hin und Her zwischen schwarzer Schönheit und fieser Brutalität, zwischen Licht und Finsternis allein beschreibt noch nicht die vielen Facetten, die sich auf diesem Album wiederfinden. Selbst in nur eine ruhige Passage packen Neurosis mehr Ideen als manch andere Band in ein ganzes Album. Was nicht weiter wundert. Zeigen doch fast alle Mitglieder in diversen anderen oder Solo-Projekten ihre wilde Kreativität, die sie auf beeindruckende Weise im Kollektiv miteinander verschmelzen.

So entsteht ein gewaltiges Gebilde mit vielen finsteren Ecken. Aber auch mit jener strahlenden, vielschichtigen und mitreißenden Magie, die auch dieses Album zu einem wahren Erlebnis, besser gesagt zum einem kathartischen Erlebnis macht. Ein psychodelischer Höllentrip, der die tiefsten und dunkelsten Gefühle weckt und zugleich, auch wenn es widersprüchlich klingen mag, hinter all der Verzweiflung und Traurigkeit auch unglaublich viel positiv Kraft entfaltet. Und somit nicht nur beklemmend, fies und neurotisch ist. Vor allem aber ist auch dieses Album wieder unglaublich gut.

Neurosis – Fires Within Fires

VÖ: 23. September 2016
Label: Neurot Recordings

Tracklist:
01. Bending Light
02. A Shadow Memory
03. Fire Is the End Lesson
04. Broken Ground
05. Reach

Coverartwork: http://neurotrecordings.com/images/albums/NR102_Neurosis-FiresWithinFires.jpg