reinlesen: NOFX – The Hepatitis Bathtub and Other Stories

Eins meiner ersten Konzerte war ein Bad Religion Konzert im Oberhausener Musikzirkus (seit vielen Jahren abgerissen). Als Vorband mit dabei: NOFX. Das war Anfang der 90er und bis heute begleiten mich beide Bands durchs musikalische Leben. Nun, über 25 Jahre später steht die erste NOFX-Biographie in den Läden. Und für NOFX: The Hepatitis Bathtub and Other Stories braucht Mensch genau das, was auch für die Musik und Lyrics von NOFX notwendig ist: jede Menge Humor und ein an vielen Stellen zumindest leichter Hang zum Sarkasmus. Zudem natürlich eine gewisse Begeisterung für NOFX und Punkrock. Dabei stehen hier jedoch nicht das musikalische Schaffen von NOFX im Vordergrund, sondern die jeweiligen Bandmitglieder und ihr Leben (mit NOFX). Allen voran Mike, Hefe, Smelly und Melvin, die seit über 20 Jahren das feste Lineup bilden. Getrennt voneinander erzählen Sie in ihrer jeweils eigenen Sichtweise sowohl ihr Leben mit NOFX als auch die Geschichte der Band.

Angefangen von den Irrungen und Wirrungen zahlreicher Besetzungswechsel, die schließlich zur aktuellen Besetzung (seit White Trash, Two Heebs and a Bean) geführt haben, über die üblichen Eskapaden auf zahlreichen Touren seit Beginn der 80er, steht vor allem die Drogen- und Alkoholabhängigkeit der Jungs im Vordergrund. Die führte zum eine zu nicht wenigen absurden Taten, über die des Öfteren nur der Kopf geschüttelt werden kann, weil je nach Geschmack ekelig, abstrus, krass oder aber witzig. Zum anderen wirf der immense Konsum berauschender Mittel die Frage auf: Wie konnten NOFX eigentlich bis heute überleben (das ist wörtlich gemeint), zehn Alben und unzählige Singles veröffentlichen sowie nicht weniger Touren rund um den Planeten absolvieren? Zumal eine nicht gerade kurze Reihe von Weggefährten*Innen frühzeitig, in der Regel wegen Drogenmissbrauch, verstarben.

Geschafft haben Sie es und sind dabei vor allem eins geblieben: NOFX. Das zeigt dann auch die Geschichte der Band. Angefangen als grottenschlechte und allseits belächelte Punkband, die sich jedoch von Jahr zu Jahr steigern und eine stetig wachsende Fangemeinschaft aufbauen konnte. Bis sie schließlich große Konzerthallen füllen und Millionen Platten verkaufen sollte.
All das haben Sie letztendlich gemeistert ohne sich an große Labels oder MTV zu verkaufen. Eben diese DIY-Einstellung haben sie sich im Vergleich zu vielen anderen Bands erhalten. Eine Tatsache, die nicht nur beeindruckt, sondern auch Stoff für viele interessante Anekdoten liefert, die insbesondere Mike mit viel Biss und Sarkasmus zu erzählen weiß. Auch weil er anderen Bands hier bewusst gegen den Kopf stößt. So von wegen Punk und so. Davon hatte übrigens El Hefe überhaupt keine Ahnung als er sich auf diese ganze Geschichte eingelassen hat. Schon witzig, dass er auf Interviews vorbereitet werden muss. „Du darfst nur diese Bands nennen, auf keinen Fall aber jene. Sonst fressen Dich die Szenefanzies auf und blabla….“ Wie die meisten Stories liest sich auch diese mit einem Schmunzeln im Gesicht.

Interessant ist auch wie klein die Punkwelt letztendlich ist. Denn offenbar kennen die vier Jungs nicht nur sämtliche US-Bands persönlich, sondern können auch auf eine ellenlange „Party-Geschichte“ mit Mitgliedern anderen Bands zurückblicken. Darunter unter anderem Pennywise, Rise Against, Lag Wagon, The Loved Ones oder auch Minor Threat (Wie war das mit Straight Edge? Ian McKaye ist jedoch nicht gemeint) zurückblicken. Ob das alle Betroffenen gut heißen? NOFX scheren sich nicht daran und legen hier schonungslos alles offen. Ein weiteres Markenzeichen der Kalifornier. Tabus gibt es nicht. Lediglich seine S&M-Neigung und seinen Faible für Frauenklamotten hat Mike lange für sich behalten. Erst nach vielen Jahren hat er erkannt, dass verstecken sich nicht lohnt.

Diese Offenheit macht NOFX dann auch umso sympathischer. Das liegt nicht nur an dem offenen Umgang mit Drogenproblemen, allen voran von Drummer Smelly. Sondern auch an den hier erstmals veröffentlichten Berichten über die Punkszene und über die oft damit einhergehende Ganggewalt im L.A. der frühen Achtziger, über sexuellen Missbrauch eines Bandmitglieds im Kindealter, über die Beziehungen zu ihren Vätern oder über den tragischen Verlust von nahestehenden Menschen. Die zeigen dann ganz andere Menschen, die wir sonst nur mit viel, manchmal zu viel Witz auf der Bühne sehen. Dann passt es auch, dass dieses Buch mit einigen Abschnitten über Tony Sly endet, der als sehr guter Freund der Band (und Sänger von No Use Fo A Name) viel zu früh von uns gegangen ist.

So ist NOFX: The Hepatitis Bathtub and Other Stories dann vor allem ein sehr persönliches Buch, in dem NOFX auf der einen Seite ihr gesamten Leben ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen aufarbeiten und reflektieren. Auf der anderen Seite geben sie uns einen sehr offenen Blick hinter die Kulissen. Dabei reiten sie zu keiner Zeit auf ihrem Erfolg herum. Tatsächlich ist die Musik wie eingangs schon angedeutet am Ende fast nur Nebensache (sämtliche Alben nach der Jahrtausendwende werden beispielsweise gar nicht erwähnt). Vielmehr zeigt uns dieses Buch was es bedeutet, Teil der großen NOFX-Welt zu sein. Im Guten wie im Schlechten. Genau das hebt diese Biographie von anderen im Punkuniversum ab.

Zum Schluss ein gut gemeinter Rat an alle Konzertbesucher*Innen. Nehmt keine und damit meine ich wirklich keine Getränke von Mike und der Crew an. Es könnte ein Spezialmix von Mike sei, der unter anderem eine gelbe Flüssigkeit aus Mikes eigenem Körper beinhalten könnte. Prost.

NOFX: The Hepatitis Bathtub and Other Stories

Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
Verlag: Edel Germany; Auflage: 1., Hardcover (2. Februar 2017)
Euro: 22,95
ISBN-10: 3841905099