reinhören: die negation – herrschaft der vernunft

Die_Negation_Herrschaft_der_Vernunft_CoverartStellt Euch vor Leute von The Heartbreak Motel, Zero Mentality, Beeath The Wheel und Heaven Shall Burn hauen gemeinsam eine Scheibe raus. Das erste was die Runde macht ist der Begriff Hardcore-Supergroup. Dann bewegen die Jungs sich auch noch irgendwo zwischen Hardcore und Punkrock und fügen dem noch diverse andere Einflüsse hinzu. Ein „Post“ vor all dem ist daher auch Pflicht. Gehört sich heutzutage ja so. Post-Irgendwas ist daher auch fast alles, was nicht einhundert Prozent klassisch ist. Post-Hardcore. Post-Punk. Post-Metal. Das umschreibt alles wie nichts. Und nagelt Erwartungen an Band und Musik erst mal fest. Doch mehr als ein Achselzucken sollte das nicht wert sein. Die Negation – laut Wikipedia die Ablehnung, Verneinung oder Aufhebung von zum Beispiel Aussagen, moralischen Werte und Konventionen – von all dem ist daher zu begrüßen. Denn was zählt sind Musik und Worte. Und was Laur de Manos (The Heartbreak Motel), Marcel Sasse (Beneath The Wheel), Alan Kassab (Zero Mentality) und Christian Bass (Heaven Shall Burn) hier auf ihrem ersten Album abliefern, sollte auf jeden Fall gehört werden. Die Jungs haben was zu sagen, machen sie auch. Und zwar lautstark und angepisst mit der Herrschaft der Vernunft.

Zehn Songs räumen hier bissig und wütend mit kleinbürgerlichen Werten und Ängsten, Menschenfeindlichkeit, Religionen, Homophobie und unserer verfressenen Konsumgesellschaft auf. Also Dinge, die auch hierzulande immer wieder aus dem Ruder laufen oder schlichtweg gar nicht existent sein dürften. Ein Album, das daher zeitgemäßer, dringender nicht sein kann. Das alles in deutscher Sprache und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Keine leere Hülle, keine leeren Botschaften. Na, die Jungs trauen sich was. Nein, das ist einfach Hardcore-Punk. Wie er sein sollte.

So kotzt sich Scheusal von Oldenburg gegen Homophobie aus, die in den Köpfen vieler Menschen (immer noch) umherspukt. Wo festgefahrene und diskriminierende Weltbilder von Kirche und Populisten immer noch wie ein Geschwür hängenbleiben. Doch die Jungs gehen noch einen Schritt weiter und schlagen auch den Menschen kräftig vor den Kopf, die einfach nur zuschauen, wenn andere aus niederen Gründen angefeindet werden. Wegseher*In spielen ist nun mal die falsche Lösung, weil riecht ganz stark nach stiller Akzeptanz oder „was scheren mich die anderen“-Einstellung. Aber da Mensch ja gerne mehr Zeit in sozialen Netzwerken als im realen Leben verbringt, sich in erster Linie via Messanger unterhält und hippe TV-Sendungen der heißeste Scheiß sind, wundert es nicht, dass wir sozial verkümmert als lebende Leichen durch Digitales Deutschland rennen. Da bringt dann auch der Kult des eigenen Scheiterns, der ständigen Selbstzweifel keine Erlösung. Die vorab veröffentlichten Songs Das Versteck und Schalen Zorns rütteln bereits mächtig an religiösen Lug und Trug. Auch dieser Nebel wird irgendwann fallen.

All das schmettert uns Die Negation mit messerscharfen Worten entgegen. Treffen genau da, wo es wehtut. Treten gerne auch noch kräftig nach. Genau richtig, um aufzurütteln. Schließlich gibt es da draußen mehr als nur ein Monolith aus Scheiße, der zerschmettert werden muss. Mit fetten Soundwänden, scheppernden Gitarren, einem metallisch stöhnenden Bass und treibenden Drums im Rücken gibt es hier den perfekten Antrieb. Das klingt dann (bewusst) dreckig und rau. Zu beschönigen gibt es ja auch nichts. Laur de Manos Geschrei stellt das auch mit Nachdruck unter Beweis. Der Zorn, die Wut, die Verbitterung braucht ein Ventil, muss raus und auch genau so klingen. Warum gibt es von dieser Sorte eigentlich nicht viel mehr Alben und Bands? Zu wünschen wäre es. Vor allem in Zeiten wie diesen.

Ein fettes Album. Krachig, laut und – musikalisch wie inhaltlich – von Anfang bis Ende spannend.

Die Negation – Herrschaft der Vernunft

VÖ: 19. Mai 2017
Label Cargo Records

Tracklist:
01. Von Hyänen
02. Das Versteck
03. Digitales Deutschland
04. Knochenmann
05. Wer alle Welt schätzt, schätzt am Ende keinen
06. Scheusal von Oldenburg
07. Das unsichtbare Gift
08. Schalen des Zorns
09. Narbenkind
10. Monolith aus Scheisse

Hinweis: Das Bildmaterial und eine Promoversion des Albums wurden mir freundlicherweise von Off The Record zur Verfügung gestellt.