reinhören: the tidal sleep – be water

TheTidalSleep_BeWater_ArtworkNach dem 2015er Album Vorstellungskraft (Review) liefern The Tidal Sleep nun ihr drittes Album ab. Und das klingt dann auch so, wie es der Titel verspricht. Leise und friedlich, wenn leise und friedlich sein muss. Laut und tobend, wenn es laut und tobend sein muss. Be Water. Mal anmutig wie eine ruhige See. Mal krachend wie ein tobender Sturm.

Ruhige Klänge eröffnen das Album. Doch schon nach kurzer Zeit stürzt der Opener Bandages auf uns herab. Schon werden wird mitgerissen vom typischen The Tidal Sleep Sound. Krachige Gitarren bauen eine Soundwand nach der anderen auf. Nur um sie genauso kraftvoll wieder einzureißen. Drums und Bass lassen dem Gewitter den Sturm folgen. Währenddessen schreit Sänger Nicolas jedes einzelne Wort in die Welt hinaus, als wären es seine letzten auf Erden. Fast bin ich geneigt zu sagen, die Jungs haben den gesamten Screamo- und Post-Irgendwas-Ballast über Bord geworfen. An vielen Stellen muss ich nun an Bands wie Modern Life Is War denken. Aber The Tidal Sleep wären nicht The Tidal Sleep, würde sie sich allein auf das beschränken. Immer wieder können ruhige Momente die Wut bändigen. Dann treiben die Songs friedlich daher, suchen die Gitarren das sphärisch Weite, lassen cleane Vocals an ein fast schon versöhnliches Ende denken. Dann passt das Bild der ruhigen, friedlichen See. Doch der nächste Sturm steht schon bereit. Bricht so plötzlich auf uns ein wie er sich nach der Verwüstung wieder legt. Das Spiel mit Krach, Melodie, Ruhe und Atmosphäre verstehen The Tidal Sleep nach wie vor auf mitreißende und aufwühlende Weise zu erzählen. Von stumpfen und langweiligen Laut-/Leiseschemata ist das hier weite entfernt. Vor allem, weil die Jungs immer noch zu überraschen wissen.

So kommt Sogas gleich mal zweisprachig daher. Nicht etwa in deutsch und englisch, was zu vermuten wäre. Nein, Viva Belgrado Sänger Cándido und Nicolas schmeißen uns hier Emotionen und Worte in spanisch und englisch um die Ohren, dass ich mit dem Verarbeiten von Wut und Verzweiflung gar nicht mehr nachkomme. Im Gegensatz dazu wirkt das abschließende Footsteps nicht nur dank weiblicher Gesangsparts fast schon anmutig. Der Wechselgesang von Linda und Nicolas berührt immer wieder aufs Neue Herz und Verstand, dass loslassen mehr als scher fällt.

So wundert es schließlich nicht, dass düstere Songs wie Collapses mich zwar immer wieder an Touche Amore und andere artverwandte Bands denken lassen. Aber mit aller Deutlichkeit: das hier packt mich einfach mehr. Weil die Atmosphäre einfach dichter und kompakter ist. Weil das hier krachiger ist. Weil das Geschrei von Nicolas genauso niederschmetternd ist. Weil ein Gänsehaut permanent meine Arme ziert. Vielleicht aber auch, weil die Jungs nicht versuchen (wie so manch andere Band) sich mit jedem Album nicht zu erfinden, sondern auf Vertrautes setzen, die Details verfeinern und das wie eh und je gekonnt inszenieren. So klingt Be Water an vielen Stellen dann wie der Vorgänger. Gelichzeitig doch so anders. Und ist somit wieder ein verdammt aufregendes Album. Ein Album ans Herz legen? Das hier auf jeden Fall.

The Tidal Sleep – Be Water

VÖ: 29. Mai 2017
Label: This Charming Man Records / Holy Roar Records

Tracklist:
01. Bandages
02. Spills
03. Words
04. Sogas
05. Hearses
06. Undertows
07. Poisons
08. Collapses
09. Changes
10. Wreckages
11. Footsteps

Hinweis: Das Bildmaterial habe ich der Bandcampseite der Band entnommen.