reinhören: rorschach – remain sedate / protestant

Irgendwann Mitte der Neunziger überreichte mir ein Schulfreund ein Tape mit selbst beklebten Cover und meinte, das hier wäre das härteste und chaotischste was er bis dato gehört hätte. Da er neben Hardcore auch gerne mal Death Metal und Grindcore hörte, sollte das schon was heißen. Etwas skeptisch legte ich das Tape ins Deck und musste recht schnell zugeben, dass er mit keinem einzigen Wort übertrieben hatte. Was da aus den Boxen ballerte schmetterte mich buchstäblich an die Wand. Zunächst war ich schockiert. Nachdem ich mich erholt hatte, musste ich jedoch schnell eingestehen, dass ich einfach nur unglaublich begeistert war. Fortan betrachtete ich Hardcore mit ganz anderen Augen, denn eine derartige Power hatte ich auf einem Studioalbum bis dahin noch nicht erlebt. Verantwortlich dafür waren Rorschach und ihr Debütalbum Remain Sedate, das bereits 1990 auf Vermiform Records erschien.

Mit ihrem wirren Mix aus Hardcore und Metal setzen Charles Maggio (Vocals), Andrew Gormley (Drums), Keith Huckins (Gitarre), Nick Forte (Gitarre) und Thom Rusnak (Bass) Anfang der Neunziger neue Maßstäbe in puncto Brachialität, Wut und Wahnsinn. Sicherlich, es gab bereits Bands, die metallastigen Hardcore für sich entdeckt hatten. Aber nicht in dieser Form. Denn dieser wüste Mix aus Bands wie (den frühen) Neurosis, Black Flag, Born Against, B’LAST, Void, Melvins, Trashmetal und Die Kreuzen ähnlichen Gekreische zog das damalige Hardcorespektrum einfach mal auf links. Das war nicht nur neu, sondern auch an Intensität und rauer Aggressivität kaum zu überbieten. Erst einige Jahre später sollten Converge die auf Remain Sedate und dem drei Jahre später folgenden zweiten und letzten Studioalbum Protestant (1993 auf Gern Blandsten Records) gesetzten Grenzen wieder sprengen. Wobei der Einfluss von Rorschach auf Converge jederzeit zu hören ist.

Was gleich in zweierlei Hinsicht überraschend war. Zum einen gab es damals wie heute kaum Informationen über die Band. Weder Interviews noch große Beiträge in Fanzines oder im World Wide Web. Rorschach gewannen an Bekanntheit allein durch ihre unglaublich intensiven Liveauftritte, Mund zu Mund Propaganda und natürlich durch ihre veröffentlichten Alben und 7inches. Zum anderen scherten sich die Jungs aus New Jersey offenbar einen Dreck, ob irgendwer ihre Musik mochte oder nicht. Das lag nicht nur an dem sägenden Gekeife von Charles Maggio, dass nichts als Wut und Hass zu kennen schien. Vor allem die bizarren und dissonanten Akkordfolgen von Keith Huckins und Nick Forte zerrten pausenlos an den Nerven. Das peitschende Schlagzeugspiel von Andrew Gormley und die fetten Basslines von Thom Rusnak sowie die plötzliche Breaks und häufigen Tempowechsel sorgten schließlich für den seelischen Kollaps. Ob nun in Knüppelpassagen oder in schleppenden, alles erdrückenden Parts, jeder Song ist Raserei und Wut pur.

Rückblickend setzen Rorschach mit ihren wenigen Veröffentlichungen Meilensteine im Hardcore-Underground. Auch wenn viele Bands versuchen möglichst innovativ und hart zu klingen, was Ihnen dank modernen Produktion auch gelingen mag, an die Aggressivität und den Wahnsinn von Remain Sedate und Protestant kommen nur wenige auch nur ansatzweiße heran. So sind diese Alben mehr als nur ein Grundstein für alles was noch kommen sollte.

Leider löste sich die Band nach nur kurzer Schaffensphase wieder auf (und somit bevor ich den ersten Song der Jungs hörte). Einige Mitglieder machten in Bands wie Deadguy, Kiss It Goodbye oder auch Shai Hulud weiter. Von 2009 bis 2012 gab es sogar eine kurze Reunion für einige Livekonzerte. Neues Material war uns jedoch nicht vergönnt. Es bleiben aber zwei Klassiker der Hardcoregeschichte, die auch heute noch mehr als hörenswert sind.

Rorschach – Discography

Remain Sedate (LP, Vermiform Records, 1990)
Needlepack (EP, Wardance Records, 1991)
Split w/ Neanderthal (EP, Vermiform Records, 1991)
Protestant (LP, Gern Blandsten Records,1993)
Close Your Eyes and See Death (Live LP, Como Caca! Edizioni, 1993)
Split w/ Operation Mindfuck (EP, Lund Castle Core Records, 1993)
Split w/ 1.6 Band (EP, Chainsaw Safety, 1994)
Autopsy (Compilation, Gern Blandsten Records, 1995)
Remain Sedate/Protestant (Compilation, Gern Blandsten Records, 2009)