reinhören: hot water music – light it up

HOT-WATER-MUSIC-_LIGHT-IT-UP_ALBUMCOVERMit innig geliebten Bands ist das ja immer so eine Sache. Stets Feuer und Flamme, während gleichzeitig fast alles verziehen wird. In meinem Falle gilt das für Hot Water Music. Ende der Neunziger Anfang der Zweitausender einer der Punkrockbands überhaupt, die mir mit No Division (1999), A Flight And A Crash (2001) und Caution (2002) gleich mehrere tolle Alben und damit einhergehend eine ganze Reihe unvergesslicher Liveabende geschenkt haben. Doch mit dem Erfolg der genannten Alben und wohl auch durch das neue Label (Epitaph Records) änderte sich alles.

Nach den Erfolgen der vergangenen Jahre wurde die Band bekannter und „größer“, die Konzerte ebenso. Dieser Erfolg war sicherlich verdient und gegönnt hat es ihnen eh jede*r. Aber es war von nun an, na ja, anderes. Weniger familiär und auch der Sound änderte sich. Der Titel des 2004er Album The New What Next deute es auch an. Das Gefühl, dass die Jungs mal was Neues ausprobieren wollten, war genauso allgegenwärtig wie das Gefühl, dass sie eigentlich gar nicht wussten, wie das aussehen soll oder wie sie es auf Platte bringen sollen. So war die Scheibe durchaus OK. Aber ohne den rauen Charme, ohne die großen Mitgröhlhits stand es im Schatten der älteren Alben. Wenig später betrat Chuck Ragan Solopfade, während die anderen drei mit The Draft und Chris Wollard schließlich mit den Ship Thieves neue Wege gingen. So blöd es klingen mag, The Draft waren plötzlich die besseren Hot Water Music, (wenn) auch ohne Chuck Ragan (ja, Ketzerei). Und während er selbst mit zwei klasse Alben den Singer-/Songwriter-Hype einläutete (wenn auch unbeabsichtigt) und anschließend auch wieder beendete, erschien 2013 völlig unerwartet nach acht langen Jahren mit Exister das siebte Studioalbum (Compilations und Live Alben nicht mitgezählt) von Hot Water Music. Allerdings lieferte es auch nur eine gute Seite (so auf der Vinylversion) und zeigt bereits mehr als deutlich die Einflüsse von Chucks und Chris anderen Projekten.

Mit dem nun veröffentlichten Light It Up gehen die vier Jungs ähnliche Wege. Allerdings gibt es auch wieder viele große und emotionale Momente, die live für Stimmung sorgen werden, und sogar eine ganz neue Seite. So sind Songs wie der Opener Light It Up, Bury Your Idols und Never Going Back typische Chuck Ragan Songs. Wobei mit deutlich mehr Power als auf den letzten Soloalben. Insbesondere letztgenannter ist ein catchy Smasher, der auch Teil einer jeden Revival Tour Show sein könnte. Hier ist dann besonders auffällig, dass der raue Charme der Vergangenheit einfach nicht mehr vorhanden ist. Die heute übliche saubere Produktion unterstreicht das auch noch. Im Gegensatz dazu könnten Rabbit Key und Overload auch in der Tracklist eines jeden Chris Wollard & The Ship Thieves Albums zu finden sein. Doch egal wer gerade am Mikro steht, Herzblut und Leidenschaft sind geblieben und jederzeit spürbar. Hot Water Music eben. Auffällig wie eh und je ist die Rhytmusfraktion. Die viel zu wenig erwähnten Jason Black am Bass und George Rebelo an den Drums verleihen allen Songs diesen für die Band typischen Drive, der die Songs immer wieder nach vorn treibt. Wenn Chuck in Never Going Back „If you rest you rust“ ins Mikro schreit, dann passt das einfach. Stillstand oder mal länger innehalten war noch nie das Ding der Band. Dafür pausenlos harte Arbeit. Gut so.

Freuen wird sich so mache*r wohl auch über die nicht wenigen Mitgrölpassagen, Sing-A-Longs und Waooohs in den meisten Songs. Persönlich ist mir das auf Platte zu viel. Aber live kommt das sicherlich gut. Und dann sind da noch This Is Up und Vultures. Mensch, wer hätte gedacht, dass die Jungs plötzlich derart dreckige Punkrockkracher aus dem Hut zaubern? Willkommen in den Achtzigern. Chris Wollard keift und schreit jedes Wort, während es im Hintergrund ordentlich stampft und scheppert. So wütend und schnell – This Is Up ist der schnellste Song, den Hot Water Music je geschrieben haben – habe ich das Quartett aus Gainsville (ok, mittlerweile leben die vier ja weit verstreut) lange nicht erlebt. Und wenn dann live. So simpel beide Songs auch sein mögen, für mich die Highlights auf diesem Album. Nicht nur, weil sie eine ganz andere Seite der Band zeigen, sondern weil sie frisch und ruppig daher kommen. Zudem greifen Chuck und Chris in Vultures beide zum Mikro, was in der Vergangenheit immer zu den Höhepunkten eines Albums gehörte (wie beispielsweise im unerreichten It‘ hard to know). So auch auf diesem Album.

Light It Up kommt dann zwar nicht an die großen Alben von Jason, George, Chris und Chuck heran. Ist aber andererseits auch weit davon entfernt, im Plattenregal zu verstauben (wie The New What Next und Exister). Allerdings schwingt auch immer ein Hauch von Wehmut mit, da viele Songs einfach zu sehr an die Soloprojekte von Chris und Chuck erinnern. Von einem Hot Water Music Album habe ich doch etwas anderes erwartet. Zumindest erhofft. Aber ehrlich gesagt ist das auch wieder Jammern auf hohen Niveau. Letztendlich ist Light It Up eine verdammt mitreißende Scheibe. Und das ohne Produzenten. Offenbar hat es geholfen, wieder wie in der Vergangenheit nur auf das eigene Gefühl zu hören.

Hot Water Music ‎– Light It Up

VÖ: 15. September 2017
Label: Rise Records

Tracklist:
01 Complicated
02 Light It Up
03 Show Your Face
04 Never Go Back
05 Rabbit Key
06 Sympathizer
07 Vultures
08 Bury Your Idols
09 Overload
10 High Class Catastrophe
11 Hold Out
12 Take You Away

Hinweis: Das Bildmaterial und eine Promoversion des Albums wurden mir freundlicherweise von Uncle M zur Verfügung gestellt.