lesen: Tierethik von Friederike Schmitz

„…wir wollten schon immer etwas Anderes und Besseres sein als die (anderen) Tiere. Natürlich ist es auch leichter, andere ethisch nicht zu berücksichtigen, wenn man so tut, als ob es ganz große Unterschiede zwischen ihnen und einem selbst gibt.“ (S. 11, Tierethik, Einleitung)

Wer sich einmal durch die Geschichte der Tierethik gewühlt und versucht hat die unterschiedlichen Positionen und Thesen zu (be)greifen, weiß, dass das nicht mal eben so gemacht ist. Das liegt nicht nur an der Thematik selbst, sondern oft auch an der Denk- und Schreibweise der Autor*Innen. Einfach ist das in den meisten Fällen nicht. Dafür aber sehr spannend. Wer daher einen passenden und verständlichen Einstieg in das Thema Tierethik sucht, wird diesen in dem kürzlich veröffentlichten Buch Tierethik von Friederike Schmitz (promovierte Philosophin und Herausgeberin des Sammelbandes Tierethik. Grundlagentexte) finden. In insgesamt 12 Kapiteln werden die wichtigsten Positionen und Thesen der Tierethik mit ihren jeweiligen Gründen und Gegenargumenten vorgestellt. Die Schwerpunkte liegen dabei auf den Ausführungen von Peter Singer und Tom Regan, da sie die moderne Tierethik im letzten Jahrhundert entscheidend beeinflusst haben. Hier zeigt sich unter anderem auch, warum dieses Buch als Einstieg zu empfehlen ist. Anstatt sich durch mehrere hundert Seiten Animal Liberation (von Peter Singer) und Singers Moraltheorie zu kämpfen, fasst die Autorin dieses Werk in wenigen Seiten zusammen. Dabei verzichtet sie auf die von Singer beschriebene Situation von Tieren in Mastanlagen, Schlachthöfen und Laboratorien, wodurch der Gesamtkontext jedoch nicht verwässert wird. Das Ergebnis ist eine der verständlichsten Zusammenfassungen von Peter Singers Theorien und deren Kritikpunkte, da mit verhältnismäßig einfachen Worten geschrieben.

Bevor es jedoch im Detail um diese und andere Thesen geht, gibt es erst einmal eine Reise durch die Geschichte der Tierethik – von Aristoteles bis in die heutige Zeit – und eine Erklärung, um wen es in diesem Buch überhaupt geht. Hier werden die unterschiedlichen Eigenschaften und Fähigkeiten von Tieren im Detail erläutert und so die Voraussetzung für die folgenden Kapitel geschaffen.

Im Folgenden steht Singers Theorie der gleichen Interessenberücksichtigung im Hauptfokus. Vereinfacht ausgedrückt sollen bei unseren Entscheidungen die Interessen von Tieren genauso berücksichtigt werden wie die von Menschen. Für Gegenteiliges hat Singer den Begriff Speziesismus definiert. Analog zu beispielsweise Rassismus oder Sexismus werden hier (andere) Menschen ohne gute Gründe bevorzugt. Die Autorin belässt es jedoch nicht allein bei Singer Thesen, sondern zeigt ebenso verständlich die Kritikpunkte an diesen auf. Unter anderem ist Singer der Meinung, dass Tiere unter bestimmten Bedingungen durchaus getötet werden dürfen. Seine Argumente werden im Folgenden kritisch, aber anschaulich entkräftet und führen schließlich zu den Theorien von Tom Regan.

Dieser wiederum schreibt allen empfindungsfähigen Wesen ein Recht auf Leben und Freiheit zu. Eine Folge wäre die komplette Abschaffung der Nutzung von Tieren zu menschlichen Zwecken. Analog zu Singers Theorien werden zunächst eine Reihe von Argumenten für Regans Theorie thematisiert. Im Anschluss dann Probleme und Kritikpunkte wie auch die Auseinandersetzung, ob Tiere überhaupt Freiheit brauchen und wollen. Zudem wird erklärt, was dieser Begriff im Kontext des Buches konkret bedeutet.

Friederike Schmitz zeigt allein an diesen beiden Positionen, dass es trotz vieler Gemeinsamkeiten kein allein geltendes Prinzip gibt. Dafür sind die Anforderungen zu unterschiedlich, vielschichtig und komplex. Dabei schafft sie es jedoch, die Leser*Innen nicht abzuschrecken, sondern zeigt auf, dass sehr viel Spielraum für eigene Gedankengänge besteht. Das zieht sich im Übrigen durch alle Kapitel, so dass dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite (und auch darüber hinaus) nicht loslässt. Und damit ist bereits eine Menge gewonnen.

Die folgenden Kapitel geben unter anderem einen Einblick in die Frage, ob wir Hilfspflichten gegenüber Wildtieren haben. Nicht nur, weil die Natur für viele Tiere die Hölle ist (s. 157), sondern weil Mensch bereits in vielerlei Hinsicht – oft mit negativen Auswirkungen – in die Natur eingreift. Warum sollte daher ein Eingreifen zugunsten von Tieren nicht denkbar sein? Als Beispiel sei das Füttern in harten Wintern genannt. Doch auch hier gehen die Ansichten weit auseinander, was im Kapitel „Was schulden wir Wildtieren?“ thematisiert wird.

Die weiteren Kapitel beleuchten, wenn auch im Vergleich zu den bereits genannten Theorien eher kurz, alternative Ansätze der Tierethik, wie beispielsweise eine stärkere Rolle der Empathie anstatt rationaler Argumente, und die Frage, was wir über unser individuelles Verhalten für Tiere tun können. Beispielsweise durch unser Konsumverhalten oder durch die Ablehnung von Tierversuchen. Hier verdeutlicht die Autorin auch, dass und warum ein 100%iges veganes Leben nicht möglich ist (u. a. werden auch beim Getreideanbau Tiere getötet). Wenngleich letztendlich entscheidend ist, dass diese Lebensweise weniger Leid und Schaden verursacht als eine nicht vegane Lebensweise.

„Wir alle haben die Möglichkeit, uns im Kleinen und Großen selbst zu engagieren, uns dabei mit anderen zusammen tun und so politisch wirksam werden. Sobald alle diejenigen, die über die Zustände in der Nutztierhaltung empört sind, aktiv an Veränderungen arbeiten würden, könnte die Wirkung enorm sein.“ (S. 174, Tierethik, Was können wir für Tiere tun?)

Was ich mir noch gewünscht hätte, wäre das Thema „Wie sollen wir mit Haustieren umgehen oder dürfen wir Tiere als Haustiere halten?“. Abgesehen von Züchtungen und Verkauf von Tieren im Discountern, stellt sich (mir) die Frage, ob wir Tieren schaden, wenn sie viele Stunden in Haus oder Wohnung verbringen müssen? Was, wenn die Alternative ein Leben im Tierheim oder Schlimmeres bedeuten würde? Was ist beispielsweise mit einer veganen Ernährung von Hunden? Ist diese artgerecht? Falls nein, zu welcher Antwort kommen wir, wenn wir dies mit dem leidvollen Leben von Tieren abwägen, die buchstäblich zu Dosenfutter verarbeitet werden? Vielleicht Stoff für einen zweiten Band.

Doch das soll den Gesamteindruck dieses Werkes in keiner Weise schmälern. Denn letztendlich ist dieser Ratgeber, wie bereits erwähnt, allen zu empfehlen, die einen Einstieg in das Feld der Tierethik suchen. Einfacher und verständlicher als in diesem Werk kann ich mir das nur schwer vorstellen. Abgesehen davon lädt Friederike Schmitz dazu ein, sich nicht nur mit der hier behandelten Thematik weiter und intensiver zu beschäftigen, sondern darüber hinaus auch mit der Realität vor unserer Haustür. Daher machen diese knapp 200 Seiten alles richtig.

Dazu gehört auch, dass dieses Buch auf Recyclingpapier mit mineralölfreien und veganen Farben gedruckt und mit veganer Klebebindung gebunden worden ist.

Tierethik – Friederike Schmitz

1. Auflage / compassion media
ISBN 978-3-9816425-5-1
218 Seiten
7,90 Euro

Hinweis: Das Bildmaterial und ein Rezensionsexemplar wurden mir freundlicherweise von compassion media zur Verfügung gestellt.