reinhören: kettcar – ich vs. wir

kettcar_Ich_vs_WirEin alltägliches Bild im Fußballstadion. Wieder einmal wird der Spieler mit einer anderen Hautfarbe als die eigene mit hasserfüllten Worten beschrien. Die Masse schweigt. Wer die passenden Kommentare für diese Worte findet, muss zur eigenen Sicherheit das Stadion verlassen. Fäuste sollen nicht fliegen. Und ja, eigentlich brauche ich den Scheiß hier nicht. Und komme dennoch wieder. Freue mich dann über das Banner auf der anderen Seite „Love Football, Hate Fascism“. Irgendwer schreit wieder „Scheiß Türke!“ Wieder einer, der es nicht kapiert. Wieder Stille. Kommentiert, bösen Blick geerntet. Doch keine Unterstützung. Wieder Zeit früher zu gehen. Nennt es feige, doch eine bessere Lösung habt Ihr nicht.

„Und als wir gemeinsam vor dem Radio saßen, die Aufstellung hörten und unser Abendbrot aßen, nahmst du meine Hand und sagtest: Liebling, ich bin gegen Deutschland“


singt Marcus Wiebusch in Mannschaftsaufstellung. Auf den ersten Blick eine beinahe Anti-Fußball-Hymne. Doch neben der die Situation (nicht nur) in Deutschlands Fußballstadien wird vor allem der hirnlose Mob begrüßt, der wieder mal zum Angriff auf Flüchtlinge bläst. Begleitet von Nationalisten, Rassisten und eingerahmt von der applaudierenden Masse. Der berüchtigte zwölfte Mann. Fußball als Spiegelbild einer deutsch-nationalen Gesinnung und Teilen der Gesellschaft.

Kritische Worte gibt es auf Ich vs. Wir, dem neuen Kettcar Album, zuhauf. Unerwartet. Klingt das doch eher nach Wiebuschs alten Punkrocktagen. Damals noch Sänger von …but Alive! fand er die richtigen, kritischen Worte für alles und jede*n. Kettcar hingegen standen und stehen für seichten Gitarrenpop mit viel Emotion. Musikalisch hat sich das auf Ich vs. Wir nicht geändert. Ein einfacher Sound ohne große Schnörkel und Experimente. Nahezu ohne Krach. Alles was Pop nun mal so bieten will und soll, ohne jedoch in Kitsch und Popklischee zu suhlen. Eine Rhythmussektion, die nur im Refrain das Tempo anzieht, und erhabene Gitarren mit schönen Melodien. Wohlfühlklima. Couchabend. Wer musikalisch abschalten will, ist hier genau richtig. Doch Kettcar haben mehr zu bieten. Vor allem intelligente Texte. Auch das hat sich nicht geändert. Nur die Themen. Das erste Mal nach über 15 Jahren Bandgeschichte werden die fünf Hamburger politisch. Offenbar war es an der Zeit. Oder wie es in Benzin und Kartoffelchips heißt „Irgendwann ist irgendwie ein anderes Wort für nie.“ Dann also jetzt. Kettcar stellen sich den Themen unserer Zeit. Kuscheln und gemütlich ist nicht mehr.

Und es funktioniert. Weil, ja weil man doch wieder an Wiebuschs Lippen klebt und in seine Geschichten eintaucht. Auch wenn ein Album so düster beginnt wie dieses.

„Es war einer dieser Zyankali-Tage, an denen wir uns mal wieder umbringen wollten. Weil die Menschen einfach keinen Sinn ergaben.“ (aus Ankunftshalle)

Doch was so düster beginnt, strahlt am Ende in einem ganz anderen Licht. Denn trotz Krieg, Terror und Nationalstaatsgedanken, finden Menschen in irgendeiner Ankunftshalle (im Video zum Song in der des Hamburger Flughafens) wieder zusammen. Und dann – ob geflüchtet oder nur verreist – umarmen, umarmen. Stark sein wollen und trotzdem weinen. Augenblicke, in denen sie doch unsere Leute und nicht Teil der Meute sind.Im Gegensatz zu all den Egoschweinen, all den besorgten Bürgern, die erst alleine und dann gemeinsam als Wir in fiesen Menschmengen auf Montagsmärschen die Wagenburg formieren. Eine deutsche Momentaufnahme, in der Empathie und Menschlichkeit Individualität und Egoismus weichen.

Und dann ein Song, der genau an unsere Menschlichkeit appelliert. Obwohl die Flucht aus dem Osten im Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun) anhand der Geschichte eines Fluchthelfers thematisiert wird, wird schnell deutlich, dass wir uns in der Gegenwart befinden, in der zumindest einige von uns, abseits von Pegida und AfD, für unsere Mitmenschen Löcher in den Zaun schneiden. Aus Menschlichkeit oder eben nur für einen Traum. Andererseits zeigt der Song auch wie sich die Fronten verschoben haben. Im Sommer ‘89 wollten linken Dogmatiker Grenzen und Mauern nicht einreißen. Im Sommer ‘17 wollen (nicht nur) populistische und rechte Gruppen wieder Mauern bauen und auf Flüchtlinge schießen.

Und wie gewohnt spielt Marcus Wiebusch mit den Worten. Mit viel Wortwitz, oft in Reimen lyrisch jederzeit anspruchsvoll und intelligent verpackt er derlei Themen in elf Kurzgeschichten, die nicht nur schön, sondern auch ergreifend Unbequemes zu erzählen wissen. Und somit genau das Gegenteil von der sonst so gewohnt wortleeren Popidylle darstellen. Letztendlich verspricht Ich vs. Wir auch keine (einfachen) Lösungen wie zum Beispiel „Irgendjemand sagt Gutmensch – und du entsicherst den Revolver“. Aber zumindest das Eingeständnis „Keine einfachen Lösungen zu haben, ist keine Schwäche!“ (aus Den Revolver entsichern).

Gut, dass Kettcar auf diesem Album all ihre Stärken ausleben und keine Schwächen zeigen. Sich vor allem „von all den verbitterten Idioten (und Kritiker*Innen, meine Ergänzung) nicht verbittern lassen“. So ist Ich vs. Wir ein schönes wie starkes Album zugleich. Ein Album, das in der aktuellen Pop-Welt seinesgleichen sucht. Und erst einmal nicht finden wird!

Kettcar – Ich vs. Wir

VÖ: 13. Oktober 2017
Label: Grand Hotel van Cleef

Trackliste:
01. Ankunftshalle
02. Wagenburg
03. Benzin und Kartoffelchips
04. Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)
05. Die Straßen unseres Viertels
06. Auf den billigen Plätzen
07. Trostbrücke Süd
08. Mannschaftsaufstellung
09. Das Gegenteil der Angst
10. Mit der Stimme eines Irren
11. Den Revolver entsichern

Kettcar

Copyright by Andreas Hornoff

Hinweis: Das Bildmaterial habe ich der Grand Hotel van Cleef Website entnommen.