reinhören: fjørt – couleur

FJORT_COULEUR_CoverNach der im September veröffentlichten Hotelsession konnte die Vorfreude auf das neue FJØRT Album gar nicht größer sein. Waren doch visuelle wie musikalische Umsetzungen schlichtweg großartig. Selten wurde ein Album derart laut- und bildstark angeteasert. Schwarz malte, wer auf die noch größere Enttäuschung hinweisen wollte. Tatsächlich waren die Hotelsessions nur der Anfang von etwas ganz Großen. Couleur ist nicht weniger als das. Was anderes haben sich FJØRT aber auch nicht vorgenommen, „denn rückwärts, rückwärts war nie vorgesehen.“ (aus Südwärts)

Allerdings braucht es Zeit, um das in Gänze zu greifen. Denn leicht ist auch dieses Album nicht. Im Vergleich zum Vorgänger Kontakt (Review) sogar noch schwerer zu fassen, weil sperriger und ungebändigter. Dieses Album fordert von der ersten bis zur letzten Sekunde. Das liegt zum einem daran, dass die Jungs das Spiel mit Laut und Leise perfekt beherrschen. Dieses aber eben nicht nur auf diese beiden Attribute reduzieren, sondern derart vielschichtig gestalten, dass ein jeder Songs stets unberechenbar ist und der Spannungsbogen zu keiner Zeit in Gefahr läuft zu zerbrechen. Selbst zwischen den Songs geht das Kribbeln nicht verloren. Zeit all das zu verarbeiten ist uns erst gegönnt, wenn sich die Nadel schließlich von der Platte erhebt.

Dann erst wird deutlich welch ein wütender Sturm aus schroffen Hardcore und majestätischem Rock soeben über uns hinweggefegt ist und was für Spuren er hinterlassen hat. Die Zerrissenheit, die Wut, die Hoffnungslosigkeit, die Verzweiflung, aber auch der unbändige Wille nicht aufzugeben sind weit über den letzten Akkord hinaus spürbar. Das liegt natürlich auch an den intelligenten Texten, die wie gewohnt farbenprächtige Bilder malen und mit einem Hang zur Poesie unterschiedliche Gefühlswelten mit einer ganz eigenen Sprache beschreiben. So bringt ein Song wie Raison, der durchaus als Fortsetzung von Paroli vom letztjährigen Album verstanden werden kann, Wut und Verzweiflung aufgrund der aktuellen Lage in diesem Land perfekt auf den Punkt. Während er zeitgleich deutlich macht, dass aufgeben die schlechteste aller Lösungen ist.

„Ich bin so müde vom Zählen. Ich habe 1933 Gründe schwarz zu sehen. Doch egal, wie viel da kommt, ich hab alles, was ich brauch. Denn die 1933 Gründe, ihr habt sie auch.“

Hier wird sich nicht an abgegriffenen Metaphern und oder billigen Phrasen die Zähne ausgebissen, sondern ein ganz neues Bild gemalt zu einem Thema, das schon hundertfach besungen worden ist. Aber nur selten mit einem solchen Gewicht, ausgedrückt durch nur eine einzige Zahl oder gleich zu Beginn durch die Wahl des Wortes Menschenhass anstatt Fremdenhass. Und während heutzutage immer öfter versucht wird Stimmen gegen Fremdenhass und für Offenheit mundtot zu machen, ist eben jene Meinungsfreiheit auf Couleur ein zentrales Thema.

„Aber eins ist gewiss, wirst du mundtot gemacht, weil deine Denke hier nicht passt, dann steh auf und sprich.“ (aus Couleur)

FJØRT fordern das nicht nur, sondern machen genau das. Einfach die Schnauze halten und wegsehen war noch ihr Ding. Gut so. Neben den Themen unserer Zeit stellen sich FJØRT aber auch immer wieder den eigenen Dämonen. Dämonen, die uns alle heimsuchen. So verstehen wir uns gut darauf, unsere eigenen Fehler auf andere zu übertragen, anstatt daraus zu lernen. Der anschließende Blick in den Spiegel nur mit vielen Rechtfertigungen möglich ist. Aber zum Glück heiligt der Dreck ja die Mittel. Und alles was uns aufwecken könnte, haben wir mit größter Sorgfalt ja eh vor uns selbst versteckt. Bildgewaltig beschreibt Magnifique eben diesen inneren Kampf, der uns zu zerreißen droht. Und genau diese Bilder führen zu Zeilen wie

„Ich habe dich dabei erwischt, wie du majestätisch Leinwände füllst mit diesem wunderschönen ersten Pinselstrich.“

Zeilen, die nicht nur ausdrücken, dass kleine Dinge die Welt bedeuten können, sondern Zeilen, die diesen Song, dieses Album, diese Band einzigartig machen. Und so gibt mir Couleur letztendlich (zumindest) für 43 Minuten „alles was ich brauch.“ (aus Windschief)

Darüber hinaus zeigen FJØRT mit diesem Album, dass auch abgelutschte Genreschubladen immer noch begeistern können. Das gelingt nicht vielen Bands. Schwer fällt der Glaube, dass nach diesem Album eine weitere Steigerung möglich ist. Doch Chris, David und Frank ist das definitiv zuzutrauen.

FJØRT – Couleur

VÖ: 17. November 2017
Label: Grand Hotel van Cleef

Tracklist:
01. Südwärts
02. Couleur
03. Eden
04. Mitnichten
05. Raison
06. Windschief
07. Fingerbreit
08. Magnifique
09. Bastion
10. Zutage
11. Karat

Hinweis: Das Bildmaterial und eine Promoversion des Albums wurden mir freundlicherweise von Fleet Union zur Verfügung gestellt.