reinhören: converge – the dusk in us

Converge_TheDuskInUsDas Chaos in Perfektion. Nicht anderes zelebrieren Converge nun schon seit fast 25 Jahren in kompromissloser Brutalität. Selbst das beinahe schon zugängliche 2012er Werk All We Love We Leave Behind änderte daran rein gar nichts und ist rückblickend betrachtet nicht nur ein weiterer Meilenstein der Band, sondern ein weiterer in puncto extreme Musik. Zudem der Beweis, dass Hardcore, Grindcore und Metal nicht Stagnation bedeuten müssen. Es braucht nur Mut und den Willen über festgezurrte Grenzen hinauszugehen und diese neu zu setzen. Besser noch, diese einzureißen und fortan ohne derlei Zwänge den eigenen Weg gehen. Ben Koller, Kurt Ballou, Nate Newton und Jacob Bannon haben diesen bereits mit Petitioning the Empty Sky gefunden und kontinuierlich ausgebaut. Und so etwas wie Grenzen kennt dieser Weg nicht.

Eben das macht diese Band auch so einzigartig, was sie mit ihrem nunmehr neunten Studioalbum The Dusk In Us einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis stellt. Dabei ist dieses Album auf den ersten Blick ein typisches Converge-Album. Nämlich ein Gang durch eine unbändige Krachorgie, durch alle Extreme der Musik. Einfach ein musikalischer Wahnsinn. Es liefert also genau das, was zu erwarten war. Und ist zugleich doch ein Sprung ins Ungewisse. Kommt doch jeder Song derart unberechenbar daher, dass es nahezu unmöglich ist sich auf irgendwas vorzubereiten. Ein Schlag folgt dem nächsten, nicht einen einzigen vermag ich kommen zu sehen. Und dennoch lasse ich mich darauf ein. Wohl wissend, dass jeder Song Herz und Verstand zerreißen wird. Nicht als Schmerz bedeutet („I Can Tell You About Pain“). Bewegt er sich doch tief durch menschliche Abgründe, bringt schonungslos all den Scheiß auf diesem Planeten auf den Punkt. Und schenkt zeitgleich so viel Wärme, Halt und Stärke. Zeigt, dass der Social-Media verseuchte Mensch vielleicht noch nicht am Ende ist. Zumindest diesen einen Funken Hoffnung vermag jeder Song zu entzünden.

Gleich der Opener A Single Tear rast förmlich durch alle denkbaren Gefühlswelten. Erst schlägt er mit einer rasenden Wucht um sich. Im darauf folgenden Moshpart ist der Wille, alles einreißen zu wollen jederzeit spürbar, ehe der abschließende ruhige Part schonungslos offenlegt, wie verletzlich jede*e einzelne von ist. Das gezeichnete Bild der Träne, die die Wange hinunterläuft und letztendlich zu Boden tropft, lässt die Traurigkeit und die Verzweiflung, die in Jacob Bannons Gekeife liegt sowas von spürbar werden, dass mir Angst und Bange wird. Beinah bin ich froh um das folgende Eye Of The Quarrel, das mit einer unglaublichen Wut die Konfrontation sucht, die Schlacht gewinnt und jede Träne vergessen lässt. Und auch wenn dieser Song stark an Stücke wie Trespasses (von All We Love We Leave Behind) oder auch Dark Horse (von Axe To Fall) erinnert, trägt auch hier der Wahnsinn seine ganz eigene Form. Ein gänzlich anderes Bild zeigt hingegen das eher zäh kriechende Under Duress, das sich mit fetten Basslinien stoisch durch dunkle Gefilde suhlt und sinnbildlich unter zu vielen Zwängen zu zerbrechen droht.

So unglaublich es klingen mag, doch diese drei Songs gehören tatsächlich zu den zugänglichsten, die Converge in ihrer Schaffensphase bisher veröffentlicht haben. Aber ganz so einfach machen sie es uns dann doch nicht. Arkhipov Calm schmeißt mit Akkorden und Taktwechseln nur so um sich, dass es schwer fällt zu folgen. Murk & Marrow hingegen ist eine fiese Psychonummer, die sich ganz tief ins Hirn frisst. Broken By Light ist in seiner Wildheit kaum zu bändigen, während Cannibals in weniger als zwei Minuten im tiefsten Hass doch noch Vergebung findet. Thousands of Miles Between Us und der Titeltrack sind dann so etwas wie der finale Hoffnungsanker im Converge-Universum. Anmutige und sanfte Klänge wie in diesen beiden Stücken sowie cleaner Gesang waren bis dato die Ausnahme. Kaum für möglich gehalten, aber so etwas wie Licht gibt es trotz einer allgegenwärtigen Melancholie offenbar doch.

Das abschließende Reptilian reißt zwar jede Hoffnung wieder runter, lässt mich aber in einem Gefühl der Hochstimmung zurück. In knapp fünf Minuten fasst dieser Songs zwar nur einen Bruchteil dessen zusammen, was zuvor auf mich eingeschlagen hat. Zeigt aber eindrucksvoll, dass Converge auch mit The Dusk In Us das Maß aller Dinge bleiben.

Converge – The Dusk In Us

VÖ. 03.11.2017
Label: Deathwish

Tracklist:
01. A Single Tear
02. Eye of the Quarrel
03. Under Duress
04. Arkhipov Calm
05. I Can Tell You About Pain
06. The Dusk in Us
07. Wildlife
08. Murk & Marrow
09. Trigger
10. Broken by Light
11. Cannibals
12. Thousands of Miles Between Us
13. Reptilian

Bildmaterial: Teil des MP3-Downloads der Vinylversion