End of the year review / Jahresrückblick 2017

Das Jahr neigt sich dem Ende. Die übliche Zeit für beinahe jede*n Blogger*In noch einmal auf die letzten Monate zurückzublicken. In meinem Fall: Was waren die besten Songs, die besten Alben, die beste Show. Über welche politischen und gesellschaftlichen Themen sich auslassen? Falls überhaupt. Welche anderen Blogs veränderten die Welt (dieser hier sicherlich nicht) oder waren zumindest lesenswert. Und so weiter und so fort. Den Anfang zu finden ist gar nicht so leicht. Das erste was mir einfällt, ist dieser Blog selbst. Denn im letzten Jahr habe ich vergleichsweise wenig geschrieben. Das hatte mehrere Gründe. Familie, Sport, Verein, und andere Hobbys waren einige Gründe. Vegane Themen gab es weniger, weil das Thema sich nahezu komplett auf die Vereinsarbeit verschoben hat. Was gut ist. Zusammen erreicht man einfach mehr. Bleibt die Musik. Und die war 2017 einfach langweiliger als sonst. Nein, es gab einige großartige neue Scheiben. Aber nur wenige. Etwas mehr als 200 Promoalben wurden mir angeboten. Dazu noch einmal ebenso viele Bandcampseiten wurden besucht. Fast immer hatte ich das Gefühl „das kennst du schon“ oder „ach, abgelutscht“. Tatsächlich habe ich sehr viel altes Zeug gehört. Vorwiegend das Dischord Zeug der Achtziger und Artverwandtes. Bands und Künstler*Innen wie Napalm Death, Neurosis, A Place To Bury Strangers, Tragedy, Modern Life Is War, Have Heart, Crusades, Coliseum, Joy Division, Bowie, Dylan oder Converge sind für mich zeitlos und gehen immer. Wie auch Bruce Springsteen, passend zur Biografie, die ich Anfang des Jahres gelesen habe. Mit all dem im Ohr tat ich mir schwer mit neuem Kram. Die Stopptaste war oftmals schon frühzeitig am Zuge.

Mag für viele eintönig klingen. Und? Auf Langeweile und all den Inhaltsleeren Chartkommerz stehe ich nicht. Okay, natürlich gibt es auch hier Ausnahmen. Aber mal ehrlich, Texte wie „I’m in love with your body“? Wofür? Wer braucht das? Gut, ich nicht. Nein, Musik muss mitreißen können. Muss mich einladen, mich damit intensiv auseinanderzusetzen. Auch inhaltlich. All das fehlte zumeist. Ausnahmen? Die gab es auch. Gleich zu Beginn des Jahres fegte Worlds Unknwon von AYS alles weg. Wütend und nachdenklich zugleich. Erstmals packten die Jungs mich mit einer Platte. Live war das hingegen nie ein Problem. Die Releaseshow im Düsseldorfer Exit Club stellte das eindrucksvoll unter Beweis.

Erst im Herbst folgten mit The Dusk In Us von Converge und Couleur von FJØRT weitere Alben, die sich in Dauerrotation auf meinem Plattenteller abwechselten. Erstes zeigte nicht nur, dass Converge eine Ausnahmeband sind, sondern auch was musikalisch möglich ist. Schlicht weg alles. Das zweit genannte ist eine unglaubliche Mischung aus Lyrik, Hardcore, Rock und Message. Wortgewaltig gegen Nazis und Rassisten, kaum eine andere Band in diesem Land fand bessere Wort gegen diese Freaks. Und dann natürlich Wolves In The Throne Room. Deren Thrice Woven ist eine faszinierende Reise durch Finsternis und Schönheit zugleich. Epischer Black Metal, der seinesgleichen sucht. Neben diesen drei Alben konnte mich noch drei Hardcorealben umhauen. Unrest von Spirits, No Cure For Death von Sect (es gibt tatsächliche gute Supergroups) und Grotesk Lie von Wake of Humanity (nur eine seven Inch mit zwei Songs, die es aber in sich haben). Drei Alben, die sich sehr ähnlich und doch so unterschiedlich sind. Und der Beweis, dass Straight Edge Hardcore immer noch authentisch und ohne all die bekannten Phrasen daher kommen kann.

Sonst gab es sicherlich viele nette Scheiben wie von Stick To Your Guns, Tigers Jaw, Meat Wave, Henry Fonda, The Tidal Sleep, Crusades oder auch feine kleine Scheiben wie von Free oder die Split von The Tidal Sleep und Svalbard. Doch das ganz große Erlebnis blieb am Ende aus.

Erwähnen muss ich noch Wolf Down. Dabei haben die Jungs nicht ein einziges Wort verdient. Dennoch. Verbarg sich hinter einem Vorhang linkem Hardcore doch nichts als Dreck. Vier Sexisten (zuzuschauen oder wegsehen ist nicht weniger scheiße), die andere Menschen ausnutzen, während sie das Gegenteil in die Welt schrien. Schlimmer geht es kaum. Die Gedanken weilen bei den Opfern, die bisweilen sogar als Täterinnen beschimpft werden. Irgendwer kapiert es mal wieder nicht. Will es offenbar nicht. Die richtigen Worte zu diesem Gewaltakt (nichts anderes ist es schließlich) sind auf dem Blog von XclusivX zu finden. Sämtliche Artikel, die ich zur #MeToo Debatte gelesen habe, haben es nicht besser auf den Punkt bringen können. Geschweige denn sich zu trauen das Wort Patriarchat nieder zu schreiben. Und so muss auch eine Szene, die sich gerne offen und tolerant nennt, jederzeit mit kritischen Augen betrachtet werden. Und dank #MeToo wurde das Thema endlich auch richtig publik, Täter wie Weinstein und Mitwisser wie Tarantino beim Namen genannt. So muss es auch in Zukunft sein. Damit niemand mehr Opfer sein muss. Egal in welchem Umfeld.

Für Dinge beim Namen nennen, Kritik und Aufrütteln stehen übrigens Anti-Flag. Ihr Album American Fall, einer dieser netten Scheiben, ist ein wütender Abriss auf Mr. Trump, seinen Turbokapitalismus, der den Reichen weiter die Taschen füllt, und seine Waaaahnsinnsregierung, die für was auch immer stehen mag. Für Chaos und Menschenverachtung auf jeden Fall. Wäre es nicht ernst, könnte ich mich über diesen Typen schlapp lachen. Aber so bleibt oft nur blankes Entsetzen. Irgendein Nazispinner fährt in eine Menschenmenge, tötet und verletzt. Und der Präsident? Findet dafür lobende Worte. Lobende Worte für tief verwurzelten Rassismus. Angefeuert vom mächtigsten Mann auf diesem Planeten. Verzeiht, aber das macht einfach wütend und traurig zugleich.

Anti-Flag wählten diesen Titel für das trumpsche Amerika. Und mal ehrlich, American durch German ersetzt – Slime nannten das schon 1994 Schweineherbst -, ergibt ein gar nicht so falsches Bild. Sitzen doch nach etwas mehr als siebzig Jahren wieder Nazis im deutschen Bundestag, die mit menschenverachtenden Gesellschaftsvisionen Politik machen wollen. Was die AfDler*Innen (Gendersprache im AfD-Kontext macht so so richtig Laune) natürlich nicht so sehen. Ja, alles nur besorgte Bürger*Innen, die besorgte Bürger*Innen suchen (die neue Kettcar Scheibe ist auch nett, vor allem textlich) und viele gefährliche gefunden haben. In meinem Stadtteil fast achtzehn Prozent. Angeführt von einem ehemaligen gymnasial-Geschichtslehrer (!!!), der für Remigration steht und zeitgleich billige Pflegekräfte aus Osteuropa holen möchte. Soweit so klar. Da steckt schon eine große Portion Gehirnschmalz dahinter. Nicht verheimlichen möchte ich, dass dieser Herr tatsächlich auch mein Geschichtslehrer war. Ich habe damals zugehört. Er sich selbst offenbar nicht. Wie sonst für eine Partei antreten, die das Holocaust-Mahnmal in Berlin ein Mahnmal der Schande nennt, lobende Worte für die Wehrmacht findet, mit anderen Nazis wie der Identitären Bewegung zusammenarbeitet und sowieso jede*n, die/der nicht arisch aussieht, in Anatolien entsorgen möchte. Denn das ist schließlich die Lösung für alles. Alles klar, hatten wir alles schon. Schon vergessen? FJØRT nennen das die Renaissance von Menschenhass. Doch die Menge versteht nicht und klatscht gleichzeitig im Takt (wieder Kettcar). Armes Deutschland. Nicht umsonst fragen Slime, warum ihre Lieder aus den Achtzigern und Neunzigern immer noch aktuell sind. Als wäre all das nicht schon wahnsinnig genug, hat eine Partei wie die CSU auch nur eine Lösung: auf nach rechts, die Lücke schließen. Anstatt nach Alternativen zu suchen – warum existiert diese Lücke eigentlich? – springen Seehofer und Co auf den braunen Zug auf. Verpacken den gleichen Mist nur in andere Worte. Na, drauf geschissen, wenn es um Prozente geht, vergessen wir einfach das C im Namen. Aber gut, die Geschichte des Christentums ist ja auch nicht gerade ein Paradebeispiel in Sachen Menschlichkeit. Von daher, alles gut, oder?

So sind es dann Männer wie diese, ah, stopp. An der Spitze der AfD steht ja auch eine Frau, die aus ihrem Wohnsitz in der Schweiz die Befreiung von den Übeln Merkel und Überfremdung lenken will. Ja genau, die deutsche Heimat, um die es ja zu kämpfen gilt, ist wohl doch nicht so lebenswert. Offenbar hat Frau Weidel erkannt, dass Begriffe wie Volk und Gesinnung Schwachsinn sind. Darum lebt sie auch getreu dem deutschen Leitbild mit einer Frau zusammen und zieht mit ihr gemeinsam Kinder groß. Welch ein Glück, die Ehe gilt zum Glück nicht mehr nur für Mann und Frau allein. Ach, welch ein Irrtum. Hängen doch viele noch am verstaubten Weltbild der Vergangenheit fest. Ja, so ist das mit der AfD. Und weil sie laut Parteiprogramm Politik für Eliten macht, wählen sie die kleinen Leute. Zumindest in Duisburg. Hallo, alles Scheiße finden und Bild lesen macht niemanden zum Teil irgendeiner Elite. Aber gut, Mensch rennt halt Irren und Mächtigen gerne hinterher. Ist auch einfacher als selbst zu denken
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Und eben jene Narzissten, Egoisten und Populisten stürzen diesen Planeten und unsere in vielen Teilen offene Gesellschaft aus rein egoistischen Gründen – Menschlichkeit ist ihnen fremd – immer weiter ins Chaos. Und all die Enttäuschten und Verbitterten stürzen sich gleich mit. Wollen von Humanität, Toleranz und Respekt nichts wissen. Erneut wissen Kettcar Rat für all die hier und jetzt nicht Ausgebrannten: von all den Verbitterten nicht verbittern lassen.

Vielleicht hilft es sich an Kleinigkeiten zu erfreuen, denn die können oft die ganze Welt bedeuten. FJØRT schrieben dafür über das Thema Demenz und fanden (wie gewohnt) wunderbar gefühlvolle Worte:

„Ich habe dich dabei erwischt, wie du majestätisch Leinwände füllst mit diesem wunderschönen ersten Pinselstrich.“

Und so blicke ich zurück auf die vielen kleinen Dinge in diesem Jahr, die mich all den Scheiß (all die weltweiten Konflikte und Kriege, Massenverhaftungen in der Türkei, erneutes Scheitern des Klimagipfels und so weiter habe ich noch gar nicht genannt) für einige Augenblicke vergessen lassen. So wie die oben genannten Alben. Oder die ältere Dame auf dem Gemeindefest, die unseren veganen Döner für den besten Döner hielt, den sie je gegessen hat. Ohne zu wissen, dass da kein Tier am Spieß hing. Oder das tolle Projektgespräch mit 15 jungen Menschen über die Beweggründe für eine vegane Lebensweise. Oder die Teilnahme an der WDR-Doku über vegane Kinderernährung als Gegenpool zur Boulevardpresse und allwissenden Ärzten. Oder die endgültige Gewissheit, dass Smartphones mit dem angeknabberten Apfel ihr Geld nicht wert sind. Abgesehen davon, dass Apple alle Besitzer*Innen ihrer hippen Lifestylegeräte seit Jahren bescheißt (siehe Akkus). Oder (und am wichtigsten) die Zeit mit Familie und Freunden. Oder, oder, oder. Genug Gründe, um sich von all den Clowns da draußen nicht verbittern zu lassen.