reinhören: stick to your guns – true view

StickToYourGuns_TrueView_ArtworkZugegeben, Stick To Your Guns haben mich musikalisch bisher nie sonderlich angefixt. Die Tatsache, dass jede bisher besuchte Show der Band einer Sportmarkenschuh- werbeveranstaltung glich, führte zudem zu einem gewissen Unbehagen mit der Folge keine weiteren Shows zu besuchen. Wohl wissend, dass viele Bands wie eben Stick To Your Guns diesen Unsinn gar nicht unterstützen. Dennoch, wohlgefühlt habe ich mich an solchen Abenden nie.

Textlich hingegen war ich immer ganz Ohr. Die sozialkritischen und politischen Songtexte von Sänger Jesse Barnett sind allemal lesenswert. Sich damit zu identifizieren fällt nicht schwer. Aber das eine (Musik) ohne das andere (Lyrik) ist dann einfach nicht meins. So habe ich auch das neue Album der Jungs aus Orange County, das bereits im vergangenen Oktober via End Hits Records erschienen ist, nur auf dem Papier verfolgt. Ein großer Fehler, wie sich nun herausstellen sollte. Mehr aus Zufall denn aus Absicht liefen die ersten Songs von True View via Stream (die Vinylversion folgte wenig später) im heimischen Wohnzimmer und plötzlich war es da, dieses Woah-Erlebnis. Endlich packten mich die Songs als Ganzes. Als Folge lief das Album einige Tage lang auf Dauerrotation.

Das liegt zum einem und das war nicht anderes zu erwarten an den Themen, die Jesse Barnett hier verarbeitet. Allen voran die Bewältigung seiner eigenen Depressionen und somit den Kampf mit den eigenen Dämonen. Ein Kampf, den letztendlich jede*r alleine bewältigen muss, was gleich im Intro deutlich wird: “You just figure it out your own way / Because in the end, no matter how and in which direction this goes – you’re the only Person that can do it.“

Doch nicht nur die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich steht im Vordergrund. Auch die persönliche Freiheit gilt es zu bewahren in einer Zeit, in der Freiheits- und Persönlichkeitsrechte immer mehr eingeschränkt zu drohen werden. Doch mit Textzeilen wie “You are free / No matter what they do or what they say / Believe…. you are free / The true power of you can’t be taken away“ (aus You Are Free) positioniert sich Jesse Barnett nicht nur deutlich, sondern ruft auch dazu auf, sich all diese Freiheiten nicht nehmen zu lassen. So bringt er wie gewohnt persönliche Erfahrungen in einen gesellschaftlich wie politischen Gesamtkontext, sodass die Texte authentisch rüberkommen. Leere Hüllen gibt es anderswo ohnehin genug. Das gilt auch für einen Song wie Cave Canem. „We can’t hide in the wake of this so you better beware / You may have your reasons but that doesn’t make them right.“ Persönlich gesehen, die Suche nach Ausreden oder Verantwortliche für die eigenen Probleme, anstatt selbst in den Spiegel zu schauen. Politisch die Ansage jedes Argument kritisch zu hinterfragen, anstatt nach einfachen Lösungen zu suchen. Der Gedanke an Rechtspopulisten auch hierzulande ist nicht fern.

Und endlich, erstmals passt dann auch die musikalische Umsetzung zu Worten wie diesen. Cleaner Gesang und Geschrei in den richtigen Momenten verleihen wie auch perfekt platzierte Moshparts und Breakdowns Worten und Gefühlen genau die Bedeutung, die ihnen zusteht. Alles wohldosiert, sodass stumpfes Prollogeprügel gar nicht erst im Raum steht. Dafür sorgen schließlich auch catchige und melodiöse Parts, die sich fetten Riffs und aggressiven Drums wie in Delinelle und Maried To The Noise immer wieder in den Weg stellen. Und ruhige Stücke wie 06 56 und The Inner Authority: Realization Of Self klingen fast schon versöhnlich aufgrund nicht vorhandener brutaler Ausbrüche. Die hingegen treffen in Krachern wie The Sun, The Moon, The Truth: Penance of Self oder Your Are Free mitten ins Gesicht. Immer kompromisslos und offen. Alles andere wäre angesichts der Thematik auch wenig glaubwürdig, auch wenn eine gewisse Nähe zu Bands wie Terror nicht zu verheimlichen ist. Allerdings mit einer nicht überhörbaren Eigendynamik, die ich früher so nicht empfunden habe.

So liefern Stick To Your Guns mit True View ein politisches wie persönliches Werk, das Inhalt und Musik auf mitreißende Weise miteinander verbindet. Und nicht zuletzt aufgrund der aktuellen Weltlage und der persönlichen Gefühlslage von Jesse Barnett ein lautstarkes Statement zu richtigen Zeit. So fand er dafür auch die passende Worte: „Dieses Album musste geschrieben werden und ich bin froh, dass es passiert ist.“ Danke dafür und gerne mehr davon.

Stick To Your Guns – True View

VÖ: 13. Oktober 2017
Label: End Hits Records

Tracklist:
01. 3 Feet From Peace
02. The Sun, The Moon, The Truth: „Penance of Self“
03. Married To The Noise
04. Delinelle
05. Cave Canem
06. 06 56
07. The Inner Authority: „Realization of Self“
08. You Are Free
09. Doomed By You
10. The Better Days Before Me
11. Owed Nothing
12. Through The Chain Link
13. The Reach for Me: „Forgiveness of Self“

Hinweis: Das Bildmaterial und eine Promoversion des Albums wurden mir freundlicherweise von Uncle M zur Verfügung gestellt.