reinhören: lingua nada – snuff

Im 1971 erschienenen Fear and Loathing in Las Vegas (von Hunter S. Thompson) tauchten die beiden Hauptfiguren Raoul Duke und Dr. Gonzo (in der Verfilmung aus 1998 von Johnny Depp und Benicio del Toro gespielt) aufgrund massiven LSD-Konsums immer wieder tief ein in verstörende und skurrile Parallelwelten. Für Außenstehende waren diese zwar vorstellbar, aber nur schwer zu greifen. Dass es für derart bizarre Bilder keine berauschenden Mittel braucht, zeigen Lingua Nada nun auf ihrem kürzlich veröffentlichten Debütalbum. Das galt zwar bereits für die bisher veröffentlichen EPs, insbesondere für die Split mit Paan (Review). Mit Snuff treiben die vier Leipziger das jedoch bis ins Exzessive. Rückblickend der perfekte Soundtrack für den oben genannten oder vergleichbare Filme (wie Trainspotting). Oder für all diejenigen, für die musikalischen Grenzen ein Graus sind oder schlicht weg nicht existieren. Das Ergebnis, in Hypertension auf den Punkt gebracht: „I‘m on a trip, Sir!“ Nichts anderes ist dieses Album. Ein verdammt verrückter Trip.

Diesen oder gar die Musik von Lingua Nada zu beschreiben fällt gar nicht mal so leicht. Denn von den Bee Gees über die funky Ära der Red Hot Chili Peppers bis hin zu The Dillinger Escape Plan tummelt sich hier alles, was musikalisch mal was Großes auf die Beine gestellt hat. So triftt hier Math auf Rock, Hardcore auf Pop, Alternative auf Metal, Grunge auf Surf. Ach, einfach alles auf alles. Und jedes Post-irgendwas hat seine Finger sowieso immer im Spiel. Natürlich reicht das noch nicht. Elektroeffekte, irre Samples und wirre Loops verfeinern diesen Wahnsinn immer wieder mit wilden Spielereien. Manchmal treiben es diese dann so weit, dass kaum noch zu erkennen ist, was hier was überlagert. Und das alles finden wir nicht hier und da mal auf diesem Album. All das kämpft in jedem einzelnen Song gegeneinander. Immer wieder. Pausenlos. Alles will auf jede erdenkliche Art und Weise die Oberhand gewinnen. Will sich austoben. Länger als für einige Augenblicke gelingt das jedoch nie, denn kaum im Vordergrund, wird alles fast schon erbarmungslos, wie aus dem Nichts heraus, zur Seite geschubst. Was dazu führt, dass jeder Song sich permanent neu erfindet und ich recht schnell die Orientierung verliere, ob ich noch in diesem Song oder doch schon im nächsten stecke. Immer wieder muss ich mich neu sortieren. Versuchen, den roten Faden wieder zu finden.

Ja, das ist das pure Chaos. Widerspricht jeder Vernunft und ist einfach nur schizophren. Der Gedanke, die Jungs an den Instrumenten sind dem Wahnsinn verfallen und eine Psychotherapie der nächste logische Schritt, ist nicht fern. Wobei mir das nach diesem Album sicherlich auch gut tun würde. Doch der eigentliche Wahnsinn, Lingua Nada beherrschen das hier scheinbar spielend. Denn egal wie verzerrt und kaputt das hier klingt, so stimmig und logisch ist das Ganze auch.

Und dennoch, dieses Album ist harte Arbeit. Für alle Seiten. Doch wie heißt es doch so schön: „Für harte Arbeit wird man belohnt.“ Auf Snuff trifft das definitiv zu. Das ist zwar völlig durchgeknallt. Aber auch ein Wahnsinnsalbum, das elektrisiert und süchtig macht.

Und wer das alles nicht glauben kann oder will, schaut sich einfach das Video zu Cyanide Soda an. Wobei man sich der permanenten Gefahr aussetzt, spätestens im Anschluss ein derartiges Getränk runter spülen zu müssen. Ist die visuelle Umsetzung nicht weniger verrückt als der Song an sich. Trash pur. Spaß pur. Großartig.

Lingua Nada – Snuff

VÖ: 23. März 2018
Label: Kapitän Platte

Tracklist:
01. Svrf Party
02. Lvl 100
03. Hypertension
04. Cyanide Soda
05. Snuff
06. Mechakintosh
07. Spit
08. A Netflix Original
09. Shapeshifted
10. Le Magnüs

Hinweis: Das Bildmaterial und eine Promoversion des Albums wurde mir freundlicherweise von Fleet Union zur Verfügung gestellt.