reinhören: closer – all this will be

closer_allThisWillBe_coverMit dem Begriff Screamo und wie er heutzutage verwendet wird, kann ich persönlich rein gar nichts anfangen. Oder besser gesagt nichts mehr anfangen. Denn all die heutigen Bands, die immer wieder mit dem Label Screamo versehen werden, haben mit eben jenen Bands, die Ende der Achtziger und in den Neunzigern den Sound für dieses Genre, das bisweilen auch unter dem Begriff Skramz betitelt wird, prägten, nur noch sehr wenig gemein. Wenn denn überhaupt. Zu den prägenden Combos zähle ich persönlich Bands wie Iconoclast und etwas später dann Heroin, Orchid, pg. 99 oder Portraits of Past. Allesamt Bands, die den ursprünglichen Geist des Emo weitergetragen haben. (Emo ist übrigens auch so ein Begriff, der in den letzten Jahren so sehr verbogen worden ist, dass vom Ursprung kaum etwas übrig geblieben ist. Aber lassen wir das.) Und so horche ich immer begeistert auf, wenn ich eine Band entdecke, die mich an die eben aufgeführten Bands erinnert. So wie Closer aus Brooklyn, New York. Deren Debütalbum All This Will Be ist zwar bereits im Januar auf Lauren Records erschienen. Das jedoch mal erwähnt werden muss. Erinnert es nicht nur an alte Screamo-Bands, sondern auch an aktuelle Bands wie Birds In Row oder Loma Prieta. Anders ausgedrückt, ein gewaltiger Mix aus Vergangenheit und Gegenwart.

Closer spielen mit schnellen und ruhigen Parts, sowie teils chaotischen Tempowechseln. Wobei der Übergang zwischen den einzelnen Elementen jederzeit unberechenbar ist. Das Ganze zur greifen ist nicht immer einfach. Das liegt zum einen an der düsteren und dissonanten musikalischen Umsetzung unterschiedlicher Gefühlswelten, die alles andere als strahlende Bilder malen. Und zum anderen an dem kreischenden Gesang von Sängerin (und Schlagzeugerin) Ryann Slauson, der fast pausenlos Mark und Hirn auf links dreht. Aber ehrlich gesagt bin ich froh, dass hier tatsächlich nur geschrien wird. Denn das übliche Wischiwaschi-Rumgeheule, nur um auch mal cleanen Gesang zu bringen, ist einfach nur langweilig und wirkt so rein gar nicht authentisch. Und während Ryann das Mikro niederschreit, prügeln fette Basslinien und wuchtige Blastbeatpassagen immer wieder auf mich ein (Gift Shop ist Schmerz pur), sodass ich irgendwann das Gefühl habe, nur noch von einer Ecke in die nächste geschubst zu werden. Selbst die sich immer wieder mal ausbreitenden und treibenden Instrumentalpassagen (wie in Hardly Art) schenken mir keine Ruhe. Irgendwie schmerzt das alles. Aber nur so gelingt es letztendlich mit zu fühlen. Und alles andere passt auch nicht zur wütend melancholischen Grundstimmung.

So ist All This Will Be dann auch alles andere als Wohlfühlmusik. Dafür eine intensive Auseinandersetzung mit Wut, Verzweiflung und dem eigenen Leiden. Kaputte Seelen sollten definitiv zweimal überlegen, ob sie sich den neun Songs aussetzen. Lohnenswert ist es aber allemal. Denn je mehr man sich mit den Songs beschäftigt, desto deutlich wird, Closer mögen das Chaos. Beherrschen es aber und verlieren sich nicht darin. Allein das ist mitreißend. So wie das gesamte Album.

Closer – All This Will Be

Label: Lauren Records
VÖ: 19. Januuar 2018

Tracklist:
01. –
02. Gift Shop
03. Hardly Art
04. This Year
05. Dust
06. Birdhouse
07. Three Halloweens
08. Rec Room
09. An Anthema

Hinweise: Das Bildmaterial habe ich dem Bandcamp-Download des Albums entnommen.

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